Literaturbibliothek
Der Rabe und das alte Grab
In der nahen Ewigkeit
formte sich ein Brief,
hungrig aus Erinnerung,
die so lange schlief.
Im Hauch der Abendluft
leicht der Flügelschlag,
stieg ein Rabe in die Nacht
und flog zum neuen Tag.
Dort am frühen Horizont
schwieg im warmen Schein
lang verwittert ruhelos
ein vergess’ner Schrein.
Und der Rabe nahm den Wind
schwebte stumm herab,
legte eine Botschaft
auf das alte Grab.
Lächelnd ging der Augenblick,
mit ihm jedes Leid,
und zur Ruhe legte sich
endlich Leichtigkeit.
Wenn die Tauben ruhen
Die Kirchenuhr schlägt morgendlich
vom Turm, dem Nachtquartier der Tauben.
In schiefergrau erhebt er sich
und ragt aus schneegeweißten Hauben
der Dächer nebenan hervor.
Es schneit, die Flocken tanzen wieder,
erst wirbelnd, hin und her, empor,
und schließlich federleicht hernieder.
Am Horizont zieht abendlich
die Schwärze auf und tausend Lichter
am Festtagsbaum bemühen sich,
durch wilde Tänze flockendichter
Verwehungen zu strahlen. Doch
im Klang der weihnachtlichen Lieder
besinnen sich die Tänzer noch
und schweben sacht zur Erde nieder.
Die schwarze Katze schleicht vorbei,
mein Anblick hat sie wohl vertrieben.
Der Schnee lässt ihr kein Plätzchen frei,
sonst wäre sie bei mir geblieben.
Am Marktplatz wird der Baum geschmückt,
er steht noch ohne seine Kerzen,
doch Kinder schauen schon verzückt
mit Ungeduld in ihren Herzen.
Erinnerungen im Blätterrauschen
Hört hinein ins Blätterrauschen,
hier im schönen Buchenwald,
lächelt zu den Kuckucksrufen,
wenn es durch den Frühling schallt.
Seht den Mohn im Kornfeld leuchten,
hört der Lerche helles Lied,
lebt bewusst das ganze Leben,
hadert nicht, was auch geschieht.
Springt durch Pfützen, schwimmt durch Wellen,
raschelt euch durch Herbstes Laub,
auch wenn vieles sich mal ändert,
alles wird hier nicht zu Staub.
Eines kann euch keiner nehmen,
das ist die Erinnerung,
lasst sie tief im Herzen blühen,
leuchten in der Dämmerung.
Denkt an eure Märchenstunden,
an die Freuden auch im Spiel,
an die stillen Kuschelrunden,
einfach lieben ist ein Ziel.
O'Connell's im Wandel
Vor Jahren kam Glyn frisch in diese Gegend,
er kannte sich nicht aus und war gespannt darauf,
die Stadt von Galway zu entdecken.
Am Anfang kam er beinah unerkannt,
in einen Pub mit vielen Plätzen,
in dem er eine neue Heimat fand.
O'Connell's ist sein Lieblingsplatz am Ort,
hier ist er nun schon x-mal eingekehrt.
Wer erstmal da ist, geht nicht gerne fort,
die Gäste haben Witz und Sinn gelehrt;
natürlich gibt’s verschiedene Interessen,
denn Menschen aller Schichten sind dabei.
Man lernt sich kennen und man bildet Cliquen,
und redet nicht mit jedem einerlei,
so mancher Kauz spricht Tag für Tag dasselbe,
und nervt mit seiner Wichtigtuerei.
O'Connell's ist trotz allem gar nicht so verkehrt,
hier wird seit Jahren immerfort,
gescherzt und diskutiert und auch belehrt.
In diesem Pub fühlt Glyn sich wie zu Hause,
bloß ist recht wenig los in jüngster Zeit,
nur Laufkundschaft nimmt weiter zu.
Es kommt zu Differenzen, selbst zu Streit,
und endet mal mit Flucht und mal mit Schweigen.
Bald wird die Stille hier Gewohnheit werden,
denn morgen schließt Glyn‘s Lieblingsplatz am Ort;
O'Connell's hatte sich zuletzt zu oft zu früh geleert,
heut starb ein Stammgast ohne Abschiedswort.
Anmerkung:
Ich wünsche allen einen gesunden Jahreswechsel!
Das Flüstern der Vergänglichkeit
Da lag ein Rausch in unsren Augen
und Wollen brannte uns die Haut.
Ein Beben war auf unsren Mündern,
im Schweigen jedes Wort vertraut.
Da war ein Fallen und ein Schweben,
berührt vom Hauch der Ewigkeit,
im Sog hinauf, gleich wilden Schwänen
und selbstvergessen in der Zeit.
Da war ein Lichtschein gegenüber,
der Schatten graute dein Gesicht.
Ein leises Wort hab ich gesprochen,
ich sah dein letztes Lächeln nicht.
Du hast das Fenster still geschlossen
und Regen dunkelte den Tag.
Ich hab dein Bild nicht mehr gefunden,
das eben noch im Hellen lag.
Es war ein Hoffen und ein Werben,
die Träume für uns einzufangen.
Doch lag im Anfang schon ein Sterben,
die Blüte ist nie aufgegangen.
Ein leiser Tanz
Ein Schritt in die Dunkelheit,
der Boden brüchig unter meinen Füßen,
Fragmente des Glaubens zerbrechen,
das Echo von Versprechen, die man mir gab,
verweht im Wind,
und der Atem stockt,
gefangen zwischen „Warum“ und „Wohin“.
Doch inmitten der Finsternis,
ein zarter Glanz,
ein Funke, der die Stille durchbricht,
die leisen Stimmen der Hoffnung,
flüstern sanft in meinen Ohren:
„Vertraue,
der Weg ist lang, aber er führt zurück.“
Ich taste nach den Fäden des Lichts,
die mich umhüllen,
umschlingen wie ein warmer Schal,
und mit jedem Schritt,
wachsen die Wurzeln des Vertrauens,
fest in der Erde der Erfahrungen,
die mir sagen, dass ich nicht alleine bin.
So sammle ich die Reste der Zweifel,
wie Tränen in einer kleinen Schale,
und lasse sie fließen,
in das große Meer der Möglichkeiten,
wo der Horizont nie endet,
und die Sterne mir erzählen,
dass der Weg zurück ins Vertrauen,
ein leiser Tanz zwischen Gedanken ist.
Das Kuckucksei
In einem Viertel, wo der Rasen perfekt ist,
wo die Nachbarn die Zäune mit Disteln und Hyazinthen zieren,
da sitzt sie, die werdende Mutter, in ihrem schneeweißen Kleid,
im Schatten des fein gestrichenen Hauses.
Neun Monate später, ein Schrei, ein Aufschrei —
ein Baby, ein Junge, mit Haut wie die Nacht,
oh, was für ein Unglück, ein Kuckucksei,
im Nest der Normalität.
Es haut die Ruhe auseinander —
ein Schatten huscht durch die heile Welt,
ist so schwarz wie die Geheimnisse, die sich in Klatschrunden verbergen,
das Haus verhüllt sich in skandalösem Schweigen.
„Woher kommt dieses Kind?“ fragt der Vater, blass,
der Stolz zerbrochen wie das geschmackvolle Porzellan.
„Was hast du getan?“ echot sein Vorwurf,
zwischen frischem Wind und falscher Fassade.
Die Mutter, zitternd, spricht leise:
„Es war der Kuckuck, der mein Nest beflog,
er hat mir unwissentlich
ein Ei hineingelegt.“
Die Nachbarn tuscheln, Häme fließt,
während der kleine Branden spielt,
unschuldig in seiner dunklen Haut,
doch die Welt um ihn herum wird bitter.
So wandelt er durch goldene Straßen,
ein echter Londoner, aus einer anderen Welt,
mit dem Echo von Gelächter, das nicht zu ihm gehört,
er ist ein Kuckuck im weißen Kleid.
Klagelied des Windes
Kleines Wesen, einer Knospe gleich,
gezeugt, geboren, nicht gefragt,
deine Träume schlummern
in den Wurzeln der Erde.
Wie der Blütensamen, leise keimend,
streckst du deine zarten Arme aus in die Welt,
dein Lächeln flüstert dem Wind,
der über die Felder tanzt.
Du kleines Wunder, auf wackeligen Beinen,
bereit, die Farben des Lebens zu empfangen,
voll reiner Hoffnung,
im Wachstum zerschmettert.
Erbrochenes Leid,
gefangen im Schatten,
läufst du durch Stürme,
durch Trauer und Zeit.
In der Erde schlummern deine Träume,
du bist Teil der Magie.
Der Wind singt klagend sein Lied,
wenn Seelen welken und die Erde weint.
Verwundbarkeit
Ich sehe meinen Leib
unter Blicken fallen.
Türme türmen sich,
Straßen wogen,
und ein Farbenregen kühlt.
Neonlichter schreiben
wirre Poesien.
Jemand spielt
in Dreivierteltakten
eine Schicksalsmelodie.
Die Ampelmänner
auf dem Schachbrettweg
finden keine Harmonie.
Schranken vor der Mauer
versperren ihre Sicht.
Zwei Flaschengeister
hocken auf dem Sims,
ihre Lippen lächeln wund.
Gedanken schneiden tief
ins Labyrinth.
Namen meißeln sich
in kahle Wände,
und ein Fenster wird zur Tür.
Grauen Spuren folgend
drängt es mich voran.
Wenn die Stille spricht
Im flüchtigen Schimmer eines Augenblicks
erkenne ich die Konturen deines Gesichts,
lausche deinem Lachen, deiner Stimme,
fühle unser Band über den Tod hinaus.
Der Moment verstreicht, ich bleibe stehen,
an dem Ort, wo du einst zu sehen warst,
wand're im Hier und Heute,
durch die Gänge des Vergessens, so weit.
Die Farben der Vergangenheit,
sie scheinen blass und fern,
wie verblühte Blumen,
die der Frost umarmt und hält.
In den Tälern der Gedanken,
wo die Stille widerhallt,
finde ich Spuren deiner Wärme,
verblasst, doch nicht verloren.
Ein Echo deiner Worte,
getragen vom sanften Wind,
verwebt sich mit dem Jetzt,
lässt Bilder leise leben, ganz sacht.
Kranke Welt
Siehst du die Herrscher? Sie thronen in Macht,
ihr Hohn ist wie Donner, der höhnisch lacht.
Die Welt von morgen, sie dreht sich verkehrt,
ertrinkt in der Gier, die alles verzehrt.
Paläste aus Lügen, auf Sand gebaut,
die Zukunft der Kinder wird gründlich versaut.
Sie entfachen Kriege, zu welchem Preis?
Ein Planet in Flammen, das ist der Scheiß.
Refrain:
Welche Werte zählen in diesem Spiel?
Die Macht, die sie treibt, im ganz großen Stil.
Wo bleibt der Raum für freie Gedanken?
Die Zukunft hält der Teufel in Schranken.
Die Meere steigen, die Wälder brennen,
doch Mächtige wollen es nicht erkennen.
Helden des Alltags sieht niemand mehr heut,
Geister verwehen im Wind, der sie streut.
„Ihr lebt dekadent, andre kämpfen ums Brot,
eure Gier ist ein Gift, das bringt uns den Tod.
Macht, auch mit Gewalt, das ist eure Masche,
für die Kids bleibt nichts, außer Hohn und Asche.“
Refrain:
Welche Werte zählen in diesem Spiel?
Die Macht, die sie treibt, im ganz großen Stil.
Wo bleibt der Raum für freie Gedanken?
Die Zukunft hält der Teufel in Schranken.
Wir stehen auf, für ein neues Morgen,
vereint in Stärke, trotz aller Sorgen.
Wir sind die Stimme, die ihr nicht hört,
die euch in eurem Tun stört und zerstört.
Denn wir sind zahlreich, stark und bereit,
für eine Welt ohne Gier, Hass und Leid.
Für die Träume und Lachen der Kinder,
für ein Leben in Frieden, nicht minder.
Anmerkung:
Erklärung zu Rap-Songs:
Die direkte und manchmal provokante Ausdrucksweise, die im Rap häufig verwendet wird, dient dazu, Emotionen und Kritik kraftvoll und ungefiltert zu vermitteln.
Rap ist ein Genre, das Künstlern erlaubt, ihre Gefühle und Gedanken ungefiltert auszudrücken, Emotionen herauszuschreien, was ein wichtiger Aspekt der Authentizität und Intensität in der Musik ist.
anchmal ist es notwendig, komplexe Themen zu vereinfachen, um eine starke Botschaft zu vermitteln. Dies ist typisch für Rap, wo Künstler oft gesellschaftliche und politische Themen ansprechen und diese in einer zugänglichen und verständlichen Weise präsentieren.
M
Die Verwendung von Metaphern, wie der "Teufel" als Symbol für negative Kräfte, ist ein weiteres charakteristisches Merkmal. Metaphern helfen, abstrakte Konzepte greifbar zu machen und die Botschaft eines Songs zu verstärken.
Rap ist bekannt für seine kritische Auseinandersetzung mit Machtstrukturen und gesellschaftlichen Missständen.
Kunibert, Siegfried und das Odeur der Verwesung
Kunibert, arbeitsloser Kesselflicker, Tagträumer und offizieller Patron der verpassten Gelegenheiten, hockte mit der Anmut eines lahmen Ochsens auf dem Marktplatz. Dort, wo der Wind die Gerüche von ranzigem Talg, altem Fisch und den latenten Ausdünstungen des öffentlichen Aborthauses zu einer Ode an die Verwesung verwirbelte, studierte er die Bekanntmachungen am Pranger. Die Auswahl an freien Gewerken war wie immer berauschend: Henker (mit Aussicht auf Kopfgeld und gelegentlichem Kopfverlust), Hofnarr (mit Aussicht auf Kopfschmerzen und Fußtritten) oder – welch Offenbarung – Kesselflicker.
„Wenigstens muss ich mich nicht mit kunstvollen Pergamenten und güldenen Siegeln beim Stadtrat bewerben“, murmelte er und kritzelte ein paar Verse für den nächsten Dichterwettstreit auf die Rückseite eines alten Ablassbriefes, dessen Wert inzwischen nur noch zum Ausstopfen von Hühnern oder als Notpapier auf dem Donnerbalken taugte.
Sein Freund Siegfried, ein Ritter von so zweifelhaftem Heldenmut, dass selbst die Hofnarren beim Anblick seiner rostigen Rüstung in schallendes Gelächter ausbrachen, schleppte sich heran wie ein abgewiesener Reliquienhändler nach der Fastenzeit. Die Augen trüb wie das Wasser im Burggraben nach dem alljährlichen Schweinebad, das Gesicht verzogen, als hätte er soeben auf dem öffentlichen Plumpsklo nach Sinn und Ehre gesucht – und beides nicht gefunden. „Zu viele Drachen, zu wenig Zeit für die Pilgerreise“, röchelte er, wobei sein Atem nach einer Mischung aus Met, Reue und dem letzten Wirtshausbesuch roch. „Gestern ein Drache, heute ein Turnier, morgen vielleicht die Pest. Ich bräuchte ein Jahr im Kloster – oder wenigstens ein Bad, bevor mich die Flöhe heiligsprechen.“
„Ein Bad?“, prustete Kunibert, dass ihm beinahe der speckige Filzhut von der Läusemähne rutschte. „Ein Bad gibt’s hier doch nur zur Frühjahrsmesse – und auch nur, wenn der Abt nicht wieder das Wasser für seine Bierbrauerei abzweigt. Bis dahin bleibt dir das Duftwasser aus der Alchemistenküche: ein feines Bouquet aus Schwefel, Verzweiflung und dem zarten Odeur des Totengräbers nach einer langen Nachtschicht. Und wenn’s gar zu arg stinkt, hilft nur noch ein Sprung in den Burggraben. Aber sei gewarnt: Wer da wieder rauskommt, ist entweder tot oder immun gegen alles, was die nächste Pestwelle bringt!“
Da kam ein Bote herbeigeeilt, keuchend wie ein Mönch nach der Fastenzeit, mit einer Brieftaube auf der Schulter, die aussah, als hätte sie schon drei Kreuzzüge, eine Pestwelle und den letzten Kirchenbann überlebt. „Nachricht für Kunibert!“, rief er. „Dein Liebesbrief ist angekommen – von vor fünf Jahren!“
Kunibert riss das Siegel auf, als wäre es ein Schatz aus dem Drachenhort. „Sie liebt mich!“, rief er, während die Taube sich mit letzter Kraft auf den nächstbesten Misthaufen fallen ließ.
Am anderen Ende des Marktplatzes versammelten sich die Modebewussten der Stadt, ein Anblick, der selbst den Totengräber aus seiner Gruft gelockt hätte. „Schwarz ist das neue Schwarz!“, riefen sie und präsentierten stolz ihre Pestmasken, als wären es Kronjuwelen. „Und dazu diese schicken Lederhandschuhe – ein Muss für jeden, der noch Hände hat!“ Im Hintergrund stand ein lebensmüder Ritter, der das bunte Treiben mit leerem Blick verfolgte. Er hatte genug von Turnieren, genug von Minnegesang, genug von der ewigen Suche nach Ehre und dem noch ewigerem Gestank, der selbst den heiligen Veit aus der Kirche getrieben hätte. Mit einem letzten, dramatischen Seufzer stapfte er zur Latrine, zog den Helm tief ins Gesicht und sprang kopfüber hinein. So endete das Leben des Ritters, der lieber im Abort versank, als noch einen weiteren Tag in dieser modischen Hölle zu verbringen. Die Krähen auf dem Dach nickten zustimmend.
Im Wirtshaus, wo der Geruch von Met, Mief und mittelalterlicher Hygiene um die Vorherrschaft rang, fand der große Dichterwettstreit statt. Die Luft war so dick, dass selbst die Fliegen freiwillig das Weite suchten und sich lieber auf dem Abort niederließen. Minnesänger traten gegeneinander an, der Verlierer musste am nächsten Tag als Kesselflicker schuften – eine Strafe, schlimmer als ein Jahr im Kerker oder ein Tag beim Zahnbrecher.
Kunibert versuchte sein Glück:
„Oh holde Maid, dein Haar so fein, doch leider riechst du wie ein Schwein. Dein Lächeln strahlt wie frischer Schnee, doch deine Füße – oh weh, oh weh!“
Das Publikum tobte – ob vor Lachen oder wegen des Geruchs, war nicht ganz klar. Der Wirt öffnete vorsichtshalber die Fenster, auf dass frische Luft und neue Reime Einzug hielten. Ein Mönch murmelte ein Stoßgebet, der Henker wetzte schon mal das Beil – man wusste ja nie, wann ein Vers zum letzten Stündlein rief.
Und so drehte sich das Rad des Schicksals weiter, quietschend wie Kuniberts letzter Kessel – und alle warteten auf das nächste große Ereignis: das Bad zur Frühjahrsmesse, das so selten war, dass selbst die Spinnen in den Ecken ihre Netze abstaubten.
Aufrecht im Wind
Im Schatten alter Bäume stehst du still,
ein Halm im Feld, der wachsen möchte, will.
Erkenntnis ist kein Ziel, kein festes Ende,
sie bleibt ein Weg, stets offen für die Wende.
Bewahr dein Rückgrat, steh aufrecht im Leben,
lass Mut und Würde stets nach vorne streben,
denn Wert entsteht nicht durch Vergleich allein,
du bist dir selbst genug – und darfst es sein.
Ein Unikat, das Freude weiter schenkt,
das Vielfalt lebt und oft an andre denkt.
Dein Anderssein ist niemals ganz allein,
es kann für viele Segen, Hoffnung sein.
So such den Platz, doch fürchte dich nicht sehr
vor Einsamkeit im tiefen Menschenmeer,
das dich vergisst, dich selten wirklich misst –
du bist, was tief im Innern du auch bist.
Anmerkung:
Durch Fritz Pfeiffers Gedicht „Hoher Anspruch“ inspiriert.
Die Leiden eines Miesepeters
Er stöhnt wie eine alte Uhr,
die müde weiter tickt.
„Die Nacht war schlimm, ich ahne nur,
was heute wieder zwickt.“
Er schleppt sich wie ein Vintage-Hund,
die Knochen tun ihm weh.
„Das Leben ist so ungesund!“
Er jammert nur - oje, oje!
Die Zeitung raschelt, Kaffee kalt,
die Welt ist grau und trist.
Er fragt sich, ob das Leben halt
nur eine Prüfung ist.
Er klagt wie eine Wetter-App,
die stets nur Regen sieht.
„Der Tag wird sicher wieder knapp,
weil nichts so läuft, wie es zieht.“
Die Butter hart, das Brot zu weich,
der Kaffee viel zu dünn.
Er findet stets und überall
den Grund zum Griesgram hin.
Er stöhnt wie eine alte Tür,
die niemals richtig schließt.
„Schon wieder Arbeit, ach, ich spür’,
wie mich der Stress zerfrisst!“
Der Wecker war zu laut gestellt,
das Bad zu kalt, zu nass.
Er fühlt sich wie der letzte Held
und ist schon wieder blass.
Er jammert wie ein Fernsehkoch,
dem stets das Salz entgleist.
„Das Leben schmeckt nach Pech und Loch,
egal, wie du es preist.“
Die Welt ist rau, der Tag zu lang,
die Zeit vergeht zu schnell.
Er trägt den Weltschmerz lebenslang
und fühlt sich niemals hell.
Fabelhafte F-Fantasien
Fiese Finanzfritzen fälschen frech fabelhafte Fonds-Fakten.
Faule Funktionäre feiern furchtlos fette Fehlentscheidungen.
Flinke Facebook-Fans fabrizieren fiese Fake-Fotos.
Forschende Feuilleton-Füchse finden fortwährend falsche Fakten.
Fette Fastfood-Firmen fördern folgenschwere Fressflashs.
Frostige Fernseh-Fachleute flunkern freundlich vom Fortschritt.
Fadenscheinige Fashion-Freaks fordern fragwürdige Farb-Fantasien.
Furchtlose Fitness-Fanatiker fluchen frustriert über faule Freunde.
Fiese Flachwitz-Fabrikanten füttern Facebook-Feeds.
Falsche Freiheits-Forderer fordern Freiheit für fiese Firmen. Fazit:
Famos! Falscher Firlefanz, fiese Fakes, faule Finten, fette Fehltritte, fröhliche Fassaden. Flott, forsch, völlig frei von Fakten fluten F-Wort-Fanfaren viel Fantasie, fördern fröhliches Fremdschämen.
Fabelhafte F-Wort-Farce! Faktenfrei, fatal, faszinierend.
Die faltenlose Maske
Frau Glatt will keine Sorgenfalten,
ihr Spiegelbild macht ihr Verdruss.
„Herr Doktor, können Sie gestalten,
dass ich nicht länger runzeln muss?“
Der Arzt spritzt, ihre Stirn wird starr,
kein Zucken mehr, kein Mienenspiel.
Sie merkt erstaunt, ganz sonderbar:
Ihr Lachen wirkt jetzt ziemlich kühl.
Die Falten sind zwar ausradiert,
doch Freude bleibt dabei nicht stehn.
Frau Glatt, die plötzlich nichts mehr spürt,
kann stumm sich selbst im Spiegel sehn.
Die Stirn so glatt, die Haut so fein,
doch starr bleibt nun das Seelenleben.
Sie fühlt sich oft so ganz allein,
kann keinem mehr ein Lächeln geben.
So bleibt sie schön – doch ohne Grund,
die Seele faltet sich allein.
Am Ende macht der Spritzenbund
aus ihrem Blick nur harten Stein.
Nobody, du brauchst 'nen Tee!
Nobody, du brauchst 'nen Tee,
denn Scotch macht dich nur schräg wie Klee.
Dein Reim, so schief wie Omas Dach,
da hilft kein Schnaps, da hilft nur Bach.
Dein Geist, der kurbelt, knarzt und stottert,
beim Dichten hast du arg gelottert.
Doch Nobody, sei nicht verzagt,
wenn keiner deinen Nonsens mag.
Nobody, trink Kamillentee,
dann tut das Dichten nicht mehr weh.
Vielleicht wird dann dein nächster Reim
auch endlich mal ein bisschen fein.
Hier ist alles Schorf? Ach, welch ein Wort!
Da hilft kein Scotch, da hilft nur fort.
Doch Nobody, bleib bitte hier,
ohne dich fehlt uns Getier.
Kein „Muh“, kein „Kikeriki“,
doch Nobody, ein Genie bist du nie!
Doch trink den Tee, dann wirst du seh'n:
Auch Nobody kann mal versteh'n.
Ballade vom Gelage der Schatten
Ode an den Tanz der Schatten
O feurige Lippen,
sie tanzen auf mir wie Funken,
zeichnen mit rotem Siegel
ihre sündige Kunde
in meine Haut –
du, berauschter Maler,
verzierst mich mit Blut und Schande.
Deine Bisse –
zarte Bitten an mein Rückgrat,
meine Antwort: ein Ton in hellem Dur,
so wild, dass selbst der Priester
sein Gebet vergisst
und an das Jüngste Gericht denkt.
Freudenrufe –
die Wandteppiche beben,
wir – zwei Schatten,
flackern im Schein des kecken Mondes,
der schamlos an den Butzenscheiben reibt.
Im Takt der Sehnsucht,
dunkel wie der Trank nach Zecherei,
wird Flüstern zu Stöhnen,
Fledermäuse tanzen Reigen.
Unsere Leiber sprechen
die Sprache ruheloser Geister,
Berührung – süßer Schmerz,
gleich dem Kuss der Dornen,
bis kein Morgen mehr
den Hahn zum Krähen ruft.
Wir tanzen auf den Gräbern
unserer vergangenen Lieben,
während Grabsteine zu Stufen wachsen
in die endlose Nacht.
Im Kreis unserer Begierden
herrsche ich als Königin der Schatten,
von dir dem Feuer übergeben,
wie ein Braten,
der niemals ganz durch ist.
Deine Nägel – rote Verse,
blutige Lieder,
die nur in uns weiterglimmen.
Jeder Kuss – ein Schwur:
„Du entkommst mir nimmermehr!“
Dein Atem – eisig wie Nordwind,
jede Stunde mit dir ein Beweis,
wie hungrig wir sind,
zwei verlorene Seelen,
die die Nacht mit neuen Schatten schmücken.
Die Nonnen flüstern hinterm Chorgestühl,
ob du wohl auch im Kloster
die Unschuld raubst –
und der Prior zählt die Bissmale
statt der Rosenkränze.
Wir treiben’s wilder als die Bauern
zur Erntezeit,
und selbst der Henker,
der sonst nur Hälse liebt,
wird blass bei unsrem Anblick.
So tanzen wir weiter,
bis selbst der Totengräber
uns um Nachtruhe bittet,
und der Mond,
der alte Spanner,
sich hinter Wolken schämt.
Zehn kleine Sünder
O du, mein sündiger Spießgeselle,
noch glüht der Ofen, noch brodelt der Kessel,
und zwischen den Fellen,
wo der Met wie die Lust überläuft,
verheddern sich unsere Schatten
im Teppich aus alten Schwüren.
Dein Gürtel – ein Rätsel,
das ich mit den Zähnen löse,
während draußen der Nachtwächter
sein „Haltet Maß!“ ruft
und prompt von einer Fledermaus
ins Ohr gebissen wird.
Die Mägde tuscheln,
der Abt schielt verstohlen durchs Schlüsselloch,
und der Barde, halb betrunken,
dichtet Verse über unsere Lenden,
doch reimt sich auf „Begierde“
nur „Bier“ und „Verlier die Unschuld“.
Wir rollen im Stroh,
dass selbst die Stallknechte rot anlaufen,
und der Hahn, beleidigt,
kräht zum zweiten Mal,
doch wir, unermüdlich,
tanzen weiter auf dem Altar
der verbotenen Freuden.
Deine Finger – zehn kleine Sünder,
die auf meiner Haut Psalmen trommeln,
und ich, die Königin der Schatten,
verleihe dir den Titel:
„Ritter der lüsternen Runde“.
Die Glocken läuten Sturm,
doch niemand löscht das Feuer,
denn selbst der Pfarrer
vergisst beim Anblick unserer Spiele
sein lateinisches „Mea culpa“.
So schwingen wir weiter
zwischen Himmel und Hölle,
bis selbst der Teufel
uns einen Becher Met spendiert
und der Mond,
der ewige Gaffer,
vor Scham in den Brunnen springt.
Als die Farben verblassten
Früher, als die Welt noch voller Farben war,
malten Sonnenstrahlen helle Linien auf den Asphalt,
das Lachen der Menschen schwebte wie Seifenblasen
über den Straßen, leicht und flüchtig.
Kinder spielten unbeschwert,
ihre Stimmen wie bunte Drachen im Wind,
und die Alten webten Geschichten
gegen die Stille der Nacht.
Heute schleicht der Staub wie ein hungriger Wolf
durch die Gassen,
Trümmer wachsen zu schweigsamen Skulpturen,
Blut hinterlässt stumme Zeichen auf den Mauern,
und Verzweiflung schmiegt sich klamm
an die zerborstenen Fensterscheiben
Die Hoffnung ist ein zerrissenes Segel
im Sturm der Zeit.
Der Tod ist allgegenwärtig,
Kinder irren verloren durch das Skelett der Stadt,
ihre Schatten tanzen wie Geister
zwischen den Ruinen.
Sirenen singen ihr trauriges Lied,
ein Heulen, das die Nacht zerreißt,
und die Menschen laufen davon,
als könnten sie dem Schmerz entkommen,
der wie Dornen in ihren Fersen steckt.
Bomben fallen vom Himmel,
jeder Einschlag reißt neue Wunden
in das Fleisch der Erde,
Trauer tropft von den Dächern
wie Regen aus gebrochenen Wolken,
und Ohnmacht wächst
zwischen den Steinen wie Unkraut.
Die Kriegstreiber sitzen in der Ferne,
zeichnen Linien auf Karten
mit kalten Fingern,
zählen ihre Siege in Zahlen,
während draußen die Hoffnung
im Regen liegt,
ein vergessenes Kind,
das niemand aufhebt.
Der Patriarch
Er steht im Strom der Pendler, stur,
verhärmt vom Tag, von leerer Pflicht.
Die Augen kalt, die Hände schwer,
vom Alltag matt, entbehrt er Licht.
Sein Blick ist scharf, doch nicht für sich,
er zählt die Kinder, zählt sie laut.
Acht Münder, hungrig, blass und still,
die Hoffnung längst im Staub verstaut.
Die Namen kennt er selten noch,
zu viele sind’s, zu viel Geschrei.
Die Frau, sie trägt das nächste Kind,
er zwang sie zum Geschlechtsverkehr.
Er schimpft, sie esse viel zu viel,
doch auf dem Tisch liegt kaum ein Brot.
Die Kinder suchen nachts im Müll,
die Mutter weint in stummer Not.
Er stiehlt, doch nicht aus Not allein,
sondern aus Zorn, aus kaltem Groll.
Die Kamera, sie sieht ihn an,
doch Hunger bleibt der eig’ne Lohn.
Die Ämter nicken, Akten schwer,
die Nachbarn tuscheln hinter Türen.
So viele Kinder, keine Wahl –
die Frau darf sich nicht selbst regieren.
Das Auto rostet vor dem Haus,
ein Zeichen alter, falscher Macht.
Der Mann, er weint mit leerer Brust,
die Liebe ist in ihm zerbrochen.
Die Frau, sie sammelt Essensreste,
ihr Blick ist müd, ihr Herz ist leer.
Der Hunger ist ihr ständig‘ Gast,
Verhütung bleibt ihr stets verwehrt.
So wächst die Not, so wächst das Leid,
die Kinder frieren, werden blass.
Und er? Er sieht sich nie als Schuld,
verloren in dem alten Hass.
Der Patriarch im Prunk und das unsichtbare Leid
Er thront im Glanz der großen Villa,
sein Blick aus Eis, sein Wort ein Schnitt.
Die Frau, geschmückt wie ´ne Trophäe,
verbirgt die Schatten im Gesicht.
Zwei Kinder schleichen durch die Zimmer,
ihr Lachen leise, kaum ein Hauch.
Sie lernen früh, wie Angst sich anfühlt,
und zählen heimlich jeden Tag.
Die Hand, die streichelt, kann auch schlagen,
die Faust, sie trifft, wenn’s niemand sieht.
Die Mutter schweigt, ihr Blick ein Schutzschild,
ihr Körper trägt, was niemand ahnt.
Er tadelt sie, sie sei zu schwach,
zu laut, zu dumm, zu wenig schön.
Die Kinder ducken sich im Schatten,
ihr Spiel ein stummes Fliehen schon.
Der Tisch biegt sich vor Überfluss,
doch keiner wagt sich, hinzuschauen.
Hinter Wänden flüstern Stimmen,
die Tränen trocknen ungeseh’n.
Nach außen strahlt das Bild der Einheit,
die Autos glänzen vor dem Haus.
Die Nachbarn grüßen, ahnen wenig,
vom stummen Leid im goldnen Bau.
Die Gäste loben seine Kinder,
die Frau, so still, so elegant.
Er lacht und spielt den guten Vater,
die Fassade wahrt den tiefen Schmerz.
Die Liebe starb im Glanz des Goldes,
die Angst regiert in jedem Raum.
Die Villa glänzt, die Fenster spiegeln
ein Leben, das am Traum zerbrach.
Anmerkung:
Als Kontrast zu meinem Gedicht „Der Patriarch“ vom 19.06.2025
Mit Strohhut durch den schrägen Tag
Mein Tag beginnt kopfüber. Ich steige aus dem Bett und lande direkt im Kleiderschrank, wo die Hemden applaudieren und die Socken sich zu Polonaisen formieren. Meine Hündin Wilma balanciert auf einem Bein, während sie den tanzenden Socken hinterherjagt.
Im Badezimmer erwartet mich der Spiegel, der heute ein Eigenleben führt. Er zwinkert mir zu und ruft mit schiefem Grinsen: „Du siehst heute aus wie ein Gedicht, das rückwärts gelesen wird!“ Was will er mir damit sagen?
Die Standuhr im Flur schlägt plötzlich viertelstündlich, und aus dem Kuckuckshaus ruft der Vogel: „Kurios! Kurios!“, während er seinen Zylinder schwingt. In meinem Kopf knotet sich ein Gedanke um den anderen, bis ein hübscher Knoten entsteht.
Mein linker Schuh hat heute beschlossen, ein Pferd zu sein, und galoppiert mit mir durch die Wohnung, während der rechte beleidigt hinterherhinkt. Die Kater schnurren heute im Quadrat … vier Ecken, vier Seiten, und in der Mitte ein wohliges Brummen.
Brauche ich einen Kaffee? Doch wo ist die Küche? Also, gestern konnte ich vom Flur direkt hineingehen. Ich ziehe meinen Kompass aus der Tasche, doch die Nadel dreht sich im Kreis und zeigt auf alles und nichts.
Draußen auf dem Fensterbrett sitzt eine Krähe und krächzt rückwärts: „Oseiw?“ Ihre Federn flattern gegen den Wind, als wolle sie die Zeit zurückpusten. Das Orangenbäumchen aus dem Garten steht plötzlich mitten im Raum und hat an seinen Ästen nicht nur Orangen, sondern auch kleine Uhren, die rückwärts ticken. Eine der Orangen hat ein Gesicht und zwinkert mir zu.
… und ich? Ich ziehe meinen Strohhut, richte meinen schrägen Kragen und marschiere weiter durch diesen Tag, der so herrlich aus dem Rahmen fällt. Denn heute ist schräg das neue Gerade, und ich genieße jeden verqueren Schritt.
Im Jammertal
Im Jammertal, da wohn ich nun
und jamm’re wie ein wehes Huhn.
Der Rücken knackt bei jedem Bücken,
die Knochen knirschen, nichts will glücken.
Der Fuß, er wuchs beim Wanderspaß,
ein Auswuchs, der sich heimlich fraß.
Jetzt passt er kaum noch in den Schuh,
der andre lacht – das ist der Clou!
Das Knie, es knackt im Takt der Zeit,
mal links, mal rechts – es ist ein Leid.
Es rutscht und schiebt sich hin und her,
in Tangoschritten, kreuz und quer.
Die Bandscheibe, ein Vagabund,
sie kreist im Rücken kunterbunt.
Mal oben, unten, nie am Platz,
sie quietscht und macht echt viel Rabatz.
Der Tennisarm, der hängt ganz schief,
verloren, traurig, ziemlich tief.
Er weiß nicht mehr, wo oben, unten,
hat sich im Elend festgebunden.
Das Gebiss, es klappert lose,
macht seine eigne kleine Chose.
Es wackelt, ruckelt, will nicht halten,
ich könnt es auch im Glas verwalten.
Der Kopf, er dreht sich wie ein Rad,
der Doktor sagt: „Das Alter naht!
Verschleiß, mein Kind, das ist der Grund.“
Drum dreht er weiter seine Rund.
Ansonsten bin ich echt gesund,
okay, ein bisschen Knochenschwund.
Das Hören, Sehen fällt schon schwer,
doch tasten kann ich umso mehr.
Im Haus der alten Zeiten
Ein Hauch von Heim, das Alter schmeckt,
ein leiser Duft aus fernen Tagen.
Mit Staub vermischt, der Schleier weckt
die Zeit, die wir im Herzen tragen.
Der Kühlschrank birgt die Einsamkeit,
hinter Wurst, die alt und grau.
Sie flüstert mir von früher Zeit,
schimmelt heimlich, kalt und rau.
Ein Schatten zieht durchs Wasserrund,
die Fische blicken stumm hinaus.
Sie ahnen, was ich nicht mehr kund,
ich such mein Lächeln hier im Haus.
Erinnerungen wohnen oben,
im ersten Stock, beim alten Brot.
Sie lassen Lücken, kaum zu loben,
und wenn ich such, ist alles tot.
Das Treppensteigen fällt mir schwer,
mein Kopf ist manchmal sonderbar.
Die Stufen tragen mich nicht mehr,
wie’s früher einmal möglich war.
Manchmal klingelt mein altes Rad,
fragt, ob ich noch das Stürzen kann.
Ich lache: „Üben tu ich’s grad,
ganz ohne Helm und Sattel dann.“
Es lacht und rollt im hellen Schein,
wie einst, als alles leichter schien.
Ich bleibe stehen, ganz allein,
im Flur der Dinge, mittendrin.
Die Zimmerpflanze winkt mir matt,
ihr Blattwerk längst im Streik geblieben.
Sie weiß, dass ich vergessen hab,
zu wässern, wie es Pflanzen lieben.
In Kisten schlummert Kinderglück,
von Motten leise fortgetragen.
Nun träum ich mich ganz kurz zurück,
zu einem Rest von ein, zwei Tagen.
Mein Kopf ist leer, wie ausgelaugt,
verschlampt, was wichtig einst gewesen.
Wurde PINs, Namen, Codes beraubt,
alles fort, was ich je gelesen.
Ich winke meinem Ich zum Geh´n,
die Bilder laufen schwarz und weiß.
Der Abspann flimmert, kaum zu seh’n,
das ist des Alters böser Preis.
Anmerkung:
Das lyrische Ich dieses Gedichts spiegelt nicht meine eigene Lebenssituation wider. Vielmehr entstand der Text aus der Beobachtung eines mir nahestehenden Menschen und dessen Erfahrungen mit dem Älterwerden.
Die Welt ist ein Dorf
Vor Jahren warst du hier zu Gast,
im Ort, der meine Heimat heißt.
Wir kannten uns noch nicht, und fast
verliefen wir uns still im Kreis.
Du trankst im Schatten alter Bäume
das beste Bier, das es hier gibt.
Die Wege, die du gingst, sind Träume,
die man im Rückblick weiterliebt.
Ich hätte dir so gern gezeigt
die Wälder, Seen, unsern Laden,
wo man sich freundlich zuneigt
und Sorgen teilt an langen Tagen.
Die Zeit hat vieles fortgetragen,
das Bier, die Brauerei besteht.
Der Laden ist nun klein und vage,
doch manches bleibt, was nie vergeht.
Das Schicksal hat es gut gemeint,
wenn leise Wege sich verweben.
Die Welt, die endlos groß uns scheint,
wird oft zum Dorf in unsrem Leben.
Und hätten wir uns einst gefunden,
bei Bier und Licht im Sonnenschein,
dann würden wir in stillen Stunden
ein Stück des Wegs gegangen sein.
Anmerkung:
Danke Stefan für deinen Tipp!
Norbert - draußen vergessen
Ingrid, das Paradebeispiel der modernen Multitaskerin, verhandelte mit einer nicht enden wollenden Anmut zwischen Haushalt, Job und ihrem geradezu omnipräsenten Pflichtbewusstsein als Mutter zweier Geschöpfe – dem zehenjährigen Norbert und der sechzehnjährigen Lisa. Ihr Gemahl, ein ebenso zerstreuter Hans Dampf in allen Gassen, befand sich in einem permanenten Zustand der Überforderung; seine Männlichkeit offenbarte sich oft nur in der Fähigkeit, den Fernseher und die Fernbedienung simultan zu bedienen.
Eines Wintertages, während ich Ingrid bei einer Tasse Kaffee besuchte und wir über die neuesten Deko-Trends für ihre chaotische Wohnung diskutierten, fiel mein Blick auf Norbert. Er stand draußen auf dem Spielplatz, mit einem Schal um sein Gesicht gewickelt, der ihn eher wie einen kleinen Eskimo denn wie ein Kind aussehen ließ.
„Woher hat Norbert diese schwarzen Flecken im Gesicht bekommen. Sind sie angeboren?“, fragte ich Ingrid. Sie grinste verlegen und erzählte mir von den Winterabenteuern des kleinen Norbert, der mehr Zeit draußen verbrachte, als es Überlebensbedingungen zuließen. „Ich habe ihn einmal im Winter einfach vergessen“, gestand sie unverblümt, als wäre es ein kleiner Fauxpas beim Kochen. „Er war sechs Monate alt, und ich dachte nur kurz ans Staubsaugen.“ Ein Bild von einem fröstelnden Baby, das auf dem Balkon ausharrt, schwebte durch den Raum wie ein gescheiterter Witz – keiner lachte, aber niemand wusste auch, wie man weinen sollte.
Und dann war da noch die Einkaufsgeschichte: Ihr Mann hatte Norbert, damals gerade zwei Jahre alt, in seinem Buggy vor dem Geschäft stehen lassen, während er die Einkäufe nach Hause brachte. Erst dort angekommen, fiel ihm das „kleine Detail“ auf – das Kind, das bei herbstlicher Kälte noch immer vor dem Laden wartete. Norberts Wärmeschutz war verrutscht, und so zog er sich einen weiteren Frostschaden zu.
Ingrids unkonventionelle Erziehung glich einem sozialen Experiment ohne ethische Auflagen. „Man muss die Kinder auch mal hart rannehmen“, erklärte sie mir mit einem Lächeln. Entsetzt überlegte ich ernsthaft, das Jugendamt zu informieren, doch Ingrid trumpfte bereits mit der neuesten Information auf: Der Arzt, der Norbert behandelte, hatte das Jugendamt eingeschaltet und sie gebeten, zukünftige Frostbeulen zu vermeiden
Ingrid, die stets das Gefühl hatte, alles gleichzeitig tun zu müssen, hinterließ eine Spur von Chaos und Erfrierungen, während sie Versprechen machte, „bald besser darauf zu achten“.
Kurz darauf brach ich den Kontakt zu Ingrid ab. Das ist Jahrzehnte her, doch ich frage mich manchmal, wie es Norbert geht – ob er noch die frostigen Missverständnisse seiner quirligen Mutter überlebt hat oder ob er in der Kälte der Ignoranz verloren ging.
Petrus und die Gelbe Tonne
Hier ruht ein Mensch, ganz ohne Tonne,
doch wünscht’ er sich, als letzte Wonne,
nicht Sarg, nicht Urne, sondern schlicht
die Gelbe Tonne als Gesicht.
Die Familie, schwer betroffen,
fragt sich leise: „Darf man hoffen?“
War er wirklich nicht aus Bio,
oder doch nur halb, o mio?“
Er leuchtet nachts, erzählt Geschichten
von Styropor und Plastikschichten,
und grinst dabei ganz fürchterlich,
dass selbst der Himmel fürchtet sich.
Sein Herz war PET, die Seele Tupper,
die Adern Strohhalm, Hirn aus Blubber,
in Dosen, luftdicht, ewig haltbar …
der Wertstoffhof ruft: „Mensch, sei dankbar!“
Kein Friedhof, keine Blumenpracht,
hier wird getrennt, was Plastik macht.
Petrus ruft: „Bio links, Plastik fort!“
Die Leich, verwundert, lacht vor Ort.
Der letzte Gang – nicht Friedhof, nein!
Der Leichenwagen biegt jetzt ein
zum Wertstoffhof, die Crew fragt sacht:
„Kommt das zum Schrott? Wer hat’s gemacht?“
Zu sagen, was hier richtig ist?
Ein Mensch? Ein Joghurtbecher? Mist!“
Die Welt debattiert, ganz ohne Ruh’:
„Sind Menschen Mehrweg? Was meinst du?“
Ein Zertifikat für Wiederkehr …
nachhaltig, plastikleicht und leer.“
Und schließlich, als Designerstück,
wird aus dem Mensch ein Lampenglück.
Anmerkung:
Danke Saudade für den Link ... ohne Worte
https://www.buchenwald.de/geschichte/themen/dossiers/menschliche-ueberreste
Fadenzauber und Haferflocken
Die Nadel blitzt, der Faden flitzt,
die Mutti lacht, ist leicht verschwitzt.
Die Hose reißt, der Knopf, der fliegt,
die Mutti näht, was sie so kriegt.
Mit Schere, Faden und Geschick
bricht sie auch Rissen das Genick.
Schleift eine Hose auf dem Boden,
näht sie sie um – ich muss sie loben.
Die Hose glänzt mit Doppelnaht,
das ging so schnell, fast wie mit Draht.
Stück für Stück stopft sie die Socken,
zur Stärkung gibt’s dann Haferflocken.
Ein Knoten hier, ein Stich noch dort,
das Loch ist zu und somit fort.
Die Mutti näht mit viel Geschick,
so bleibt kein Riss im Kleid zurück.
Sie wählt die Farben, stimmt sie ab,
misst Fadenlänge – nicht zu knapp.
Ein Tropfen Spucke, flink und fein,
schon fädelt sie den Faden ein.
Doch plötzlich sieht sie, welch Projekt:
Die Jacke dort ist ja defekt!
Ihr Herz schlägt hoch, sie strahlt vor Glück,
das Nähen bringt den Schwung zurück.
Ein Päckchen liegt vor ihrer Tür,
defekte Shirts – und zwar gleich vier!
Sie lacht und ruft: „Das stört mich kaum,
denn Flicken sind für mich ein Traum!“
Die Susi ruft von draußen rein:
„Dem Eddy fehlt ein Ohr, ein Bein!“
Die Mutti sieht die Not von Teddy,
näht Ohr und Bein – wie froh ist Eddy!
Sie näht mit Liebe, Stück für Stück,
bringt Farben, Muster, Glanz zurück.
Was einst verloren, blüht nun auf,
beginnt erneut den Lebenslauf.
Sie sucht die Stoffe, bunt und fein,
lässt jedes Teil besonders sein.
Mit jedem Stich wächst neues Licht,
denn ohne Flicken geht es nicht.
Ein Riss im Hemd, ein Loch im Schuh,
da greift sie flink zur Nadel zu.
Mit Faden, Schere, klugem Blick
macht sie aus alt ein neues Stück.
So sitzt sie abends still und heiter
und näht und näht – und macht stets weiter.
Denn jedes Loch, so klein es ist,
zeigt, wie geschickt die Mutti ist.
Ein Fleck, der nicht verschwinden will,
sie schrubbt und näht und bleibt ganz still.
Mit Zauberkraft und Nähgeschick
kehrt jedes Teil in neu zurück.
Ein Knopf, der rollt im Zimmer fort,
sie findet ihn an jedem Ort.
Mit einem Lächeln, leis’ und sacht,
wird er an seinen Platz gebracht.
Die Mutti lacht: „So spart man Geld
und schont zugleich die ganze Welt!“
Nach all dem Nähen, ohne Stocken,
gibt’s zur Belohnung Haferflocken!
Anmerkung:
meiner Schwiegermutter gewidmet und natürlich allen anderen fleißigen Muttis
Träume im Blätterdach
Flieg, du Sehnsucht, meine Liebe,
mit dem Wind durch Wald und Feld.
Meine Rufe sind Begleiter
auf dem Weg in deine Welt.
Leg dich nieder, sanfte Erde,
hauch mit einem Kuss das Grün,
dass ich innig dich umarme,
möchte stets an deiner Seite blühn.
Flieg, du Liebe, meine Träume,
leicht und frei im Morgenlicht,
dass nun werde, was von Herzen
uns für immer Freud verspricht.
Sing mir leise von den Wundern,
die du täglich mir gewährst,
und erzähle, wie sehr innig
du mein Herz mit Glück bescherst.
Flieg, du Hoffnung, meine Wünsche,
nach Verbundenheit und Ruh,
dass nichts trenne, was uns bindet,
du und ich – Natur bist Du.
Jeglich Unbill sei vergessen,
Gutes wurzelt tief und fest,
und Vergangenes geschrieben,
dass der Weg sich finden lässt.
Hör mein Rufen, liebe Erde,
in der Stille dieser Nacht.
Reg dich leise, rausch im Blätterdach,
nimm auf, was mein Herz erdacht.
Meine Träume und die Küsse
sollen süße Nahrung sein,
auf der Reise in den Morgen
darf ich endlich bei dir sein.
Anmerkung:
Inspiriert durch „Kopernikusstraße“ von Graeculus.
Schattenwege
Der Weg aus abgewetzten Steinen,
schwarzweiß zum Mosaik gelegt,
mag dir als gut und sicher scheinen,
da er doch deine Schritte trägt.
Die Spur der immer gleichen Gänge,
auf der dein Dasein Runden dreht,
es gibt kein Stoßen und Gedränge,
weil jeder gleich getaktet geht.
Die Ränder bröckeln und zerfallen,
was vorwärtsblickend dunkel bleibt,
du siehst nicht, wenn in Intervallen,
manch Felsen in den Abgrund treibt.
Du folgst dem Trott, dem faden Gehen,
die Schulternähe macht fast blind,
du weißt, du hast es selbst gesehen,
dass andre Pfade möglich sind.
Ein Schritt aus jenem starren Fluss,
zerrt an den Wurzeln deiner Seele,
da blüht die Freiheit, im Genuss,
auf Wegen, die das Licht erwähle.
So lass die Schatten hinter dir,
die Angst, die dich in Ketten hält.
Und finde deinen Weg im Hier,
wo Sehnsucht neue Pfade wählt.
Unplugged
Sie stellte schnell das Essen rein,
die Mikrowelle brummt sofort
Da schlug ein Funke plötzlich ein,
und alles wuchs an diesem Ort.
Sie sah noch, wie das Feuer sprang,
im Raum erstrahlte hell das Licht.
Sie duckte sich, als sie begann –
die Explosion, sie kam so schnell.
Ein Trockner steht im Keller still,
bei ihr da trocknet Wind und Zeit.
Man hält sie nicht noch mal für dumm,
sonst gibt es, schwört sie, mächtig Streit.
Der Spüler war ein Graus im Haus,
das Tantchen hat ihn gleich zerlegt.
Mit Schwamm und Hand, da holt sie raus,
was keine Technik je bewegt.
Das Essen wärmt sie stets getrennt,
für jedes Restchen einen Topf.
Denn wenn man das nicht so erkennt,
dann schüttelt sie nur mit dem Kopf.
Der Staubsauger, laut und schwer,
bleibt stumm im Schrank, wird nicht vermisst.
Mit Besen kehrt sie hin und her,
bis jede Ecke sauber glänzt.
Sie braucht kein Hightech, keinen Kram,
ihr Licht kommt stets von Kerzen her.
Strom sparen ist ihr fester Plan,
das freut ihr Portemonnaie noch mehr.
Sie lebt beschwingt und sorgenfrei,
ihr Rhythmus klingt von gestern her.
Die Technik geht an ihr vorbei,
sie folgt dem alten Muster sehr.
Aschekind - Die Melodie des Krieges
Liegt ein kleines Kind im Sterben,
zwischen Scherben, atmet schwer,
und des Dunkels zäher Schatten,
leckt das letzte Leben leer.
Ist etwas aus Stahl gefallen,
das vom Hass und Tode sang,
und die Noten sind verflogen,
als der Tag wie Glas zersprang.
Leise Rufe sprengten Felsen
und das Grollen hallt noch nach,
stürzten ab auf Weg und Stufen
und die junge Brücke brach.
Lachen wurde mitgezogen,
das die Träume mit sich riss,
selbst das Hoffen wollte folgen,
tief hinab, zur Finsternis.
Blind erscheinen alle Fenster
und verschwommen ist das Bild,
das noch eben voller Farben,
keinen Lebensdurst mehr stillt.
Traurig steh ich vor dem Spiegel,
lichtlos malt sich mein Gesicht
und nur hinter schwarzen Augen,
flackert winzig noch ein Licht.
In mir zerrt ein lautes Schweigen
und der Schlaf, er nimmt mich still,
soll sich alles Graue zeigen,
das sich zu mir legen will.
Und im Dunkel, tief verborgen,
regt sich leise neues Sein,
aus der Asche wächst ein Morgen,
schimmert Hoffnung sacht hinein.
Wo der Frieden wohnt
Unter dem gemalten Baum
spielten wir, lachten,
warfen Staub in die Luft,
grau und schwer
im fahlen Abendlicht.
Ich drehte mich im Kreis,
meine kleine Puppe
sang mir ein Lied,
und ich sah ein Mädchen
in sauberem Weiß,
wie es Tropfen aus einer zerbrochenen Flasche fing
und sie auf eine Blume legte,
die traurig im Schutt
zu ihren Füßen lag.
Sie sah mich an,
so nah und doch so fern,
und lächelte im Licht
des Liedes der Taube.
Mama, nimm meine Hand,
lass uns gehen,
dorthin, wo der Frieden wohnt,
unter dem alten Feigenbaum,
wo wir ewig spielen,
bis der allerletzte Traum
uns sanft umarmt.
Doch plötzlich kam der Donner,
kein Regen,
nur Feuer und Splitter,
die Welt zerbrach,
und ich fiel in den Staub
zwischen kalten Steinen.
Ich rief nach dir, Mama,
doch der Wind verschluckte meinen Namen,
und alles wurde schwer und leer,
wie der Baum,
der seine Blätter verlor
und nackt nach der Sonne griff,
die nicht mehr kam.
Auf dem Weg zu dir
stolperte ich nicht,
doch der schwarze Schatten
schaute auf die Uhr
und schüttelte den Kopf.
Er zeigte mir einen anderen Weg.
Ich hob die Blume auf,
deine Liebe,
meine Hoffnung,
mein Licht.
Mama, nimm meine Hand,
lass uns gehen,
dorthin, wo der Frieden wohnt,
unter dem alten Feigenbaum,
wo wir jetzt ewig spielen.
Im Schacht der Schatten
Schritte hallen donnernd
von Graben zu Graben
durch den schützenden Schacht.
Schwärze will ihn fassen,
ferner Mörserschlag
höhnt wie dröhnender Verdacht.
Finsternis umklammert,
frierend, atemlos,
und die Glieder schwer wie Stahl.
Unbewegt, doch wankend
treibt der Befehl ihn fort.
Tausend leere Helme
tanzen über ihm,
suchen nach Verwundbarkeit.
Wände brechen gleißend,
und das grelle Licht
reißt ihn aus der Deckung weit.
Angstbefreites Schweben -
durch ein Nebelgrau
pixelt sich die Welt zu Trümmern,
und im Rausch der Stille
sieht er, wie sein Leib zerschellt.
Türme stürzen Türme,
Straßen wogen wild,
Feuerregen kühlt.
Leuchtraketen schreiben
wirre Elegien.
Die Sirenenklage spielt
in dumpfen Takten
hoch vom Wachturm
eine Schicksalssymphonie.
Und die Schattenmänner
auf dem Schachbrettfeld
finden keine Harmonie.
Schranken vor den Ruinen
hindern seine Sicht
auf den Trümmergrund.
Und zwei Flaschengeister
kauern auf dem Sims,
ihre Lippen blutig wund.
Die Gedanken schneiden
tief ins Labyrinth,
bis ein weiter Riss entsteht,
und die Momente drehen sich
zu einem letzten Augenblick.
Fiete von der Waterkant
Ihr Leute, nennt mich Fiete,
hört zu, was ich berichte.
Von meiner tiefen Liebe
erzählt euch die Geschichte:
Es war ein Tag wie viele andre,
doch in mir wuchs das Fernweh sacht.
Das Meer, es rief mit rauer Stimme
und hat mein Herz erneut entfacht.
Die Wellen lockten, wild und frei,
der Wind versprach das Abenteuer.
Und jeder Morgen auf dem Deck
war wie ein Lied am Biikefeuer.*
Die Möwen schrien, der Himmel weit,
der Horizont so unerreicht.
Die Gischt, sie tanzte an den Planken,
mein Herz, es lachte, sprang ganz leicht.
Die Nächte dunkel, voller Träume
von fernen Küsten, fremdem Land.
Von Stürmen, die das Schiff umtosten,
und Sternen, hoch am Himmelsrand.
Doch manchmal, wenn die Stille kam
und nur das Meer im Dunkeln rauschte,
dann spürte ich, wie tief im Innern
die Sehnsucht nach dem Hafen lauschte.
Doch immer wieder zog es mich
hinaus auf See, zu neuen Reisen.
Denn wer das Meer im Herzen trägt,
dem wird der Wind die Richtung weisen.
So lebt ein Seemann, frei und kühn,
mit Salz im Blut und Wind im Haar.
Die Waterkant bleibt meine Heimat,
das Meer mein Traum – so wunderbar.
Anmerkung:
*Biikefeuer = traditionelles nordfriesisches Volksfest
Zwischen Bomben und Erinnerungen
Deine Stimme. In Gedanken
hör ich sie, so warm und klar.
Lachend, flüsternd, voller Leben,
niemals fordernd, immer nah.
Deine Augen. In Erinnerung
leuchten sie, so tief und weit.
Sprachen Bände, schenkten Hoffnung,
waren Trost in dunkler Zeit.
Deine Hände, stark und zärtlich,
hielten mich in Angst und Not.
Jetzt sind sie so fern und leblos,
kalt und stumm im Morgenrot.
Deine Liebe, unvergessen,
brannte hell und war so rein.
Gab mir Halt in allen Stürmen,
wird für immer bei mir sein.
Sanft berühr ich deine Wange,
doch mein Griff fasst nur noch Stein.
Wo einst Wärme, Herz und Leben,
ist nun Leere, Schmerz und Pein.
Leg mein Ohr auf deine Brust,
suche deinen Herzschlag sacht.
Doch der Lärm der letzten Bombe
hat das Leben fortgebracht.
Lege Blumen dir zur Seite,
schließe dir die Augen zu.
Küsse dich und flüst’re leise:
Schlaf in Frieden, Liebster, ruh.
Tanze durch das Leben
Willst du gewinnen, musst du spielen,
und Antwort kommt, wenn du sie fragst,
willst du Gefühle, musst du fühlen,
und lebst nur dann, wenn du es wagst.
Willst du verstehen, musst du hören,
und Hoffnung wächst, wenn du sie nährst,
willst du vergeben, musst du schwören,
dass du das Gute stets verehrst.
Willst du vertrauen, musst du geben,
und Träume blühen, wenn du sie pflanzt,
willst du das Leben wirklich leben,
dann tanze, selbst wenn du nur tanzt.
Verloren
Das Kind in mir, es schlief,
versteckt war es, ganz tief,
doch hast du nur gelacht,
und hast es tot gemacht.
Das Kind in mir, es wacht,
sucht Heilung jede Nacht.
Das Kind in mir, es schreit,
verliert sich in der Zeit.
Die Kälte, die mich quält,
ist alles, was noch zählt.
Gefangen, ohne Willen,
verstummt das Kind im Stillen.
Anmerkung:
Es handelt sich um ein lyrisches Ich.
Pulsgeflüster
Mein Sehnen wächst aus Blutbegehren,
das du in mir hast heiß entfacht,
es ist von Nacht zu Nacht ein Mehren.
der Wunsch nach deiner roten Pracht.
Ach, könnte ich dich einmal necken,
mit spitzen Zähnen, scharf und fein,
und mich in deinem Puls verstecken,
so süß, so samtig, warm und rein.
Doch blass wird schnell dein Angesicht,
wenn früh der böse Morgen bricht,
und Sonnenstrahlen – welch Verzicht! –
verwandeln mich zum Aschenlicht.
So bleibt mir wohl nur dies Gedicht,
das von der Sehnsucht nach dir spricht.
Anmerkung:
Anmerkung: Inspiriert durch das Vampirgedicht von Plotzn
Am Meer
Müde Möwen treiben mit den Winden,
sie sinken in den Abend sacht –
es verblasst das Lächeln auf den Wellen,
das kurz noch in der Sonne lacht.
Im Nebel ruft ein fernes Bootshorn,
die Küste hält den Atem still,
nur das Meer rauscht sanft im Zwielicht,
so wie mein Herz es fühlen will.
Überm Wasser dämmert sanft der Morgen,
die Nacht vergeht, der Tag erwacht.
Mein Spiegelbild im Glas verschwimmt,
die Stille hält mich mild bewacht.
Draußen ziehen Schiffe ihre Spuren,
als schrieben sie ein fernes Wort,
das niemand liest, das niemand deutet –
nur ich trag seine Sehnsucht fort.
Dort am Horizont die leisen Schimmer,
das Blau verweht im weiten Raum.
Muscheln blinken, wie verlorne Augen,
die träumend ruhn im flachen Schaum.
Jede Welle scheint mir zuzuraunen,
von dir, von uns, von einem Wir –
und in den Salzgeschmack der Stunde
haucht still das Meer: „Bleib hier – bei mir.“
Ich möchte fort, hinab zum Ufersaum,
wo Wind und Woge Namen tragen,
möcht meinen Herzschlag in den Wind
und meine Fragen in die Wasser sagen.
Das Meer, es ruft – so tief, so klar,
als trüg es Antwort in sich drin,
und jede Bö will mich erinnern:
dass ich aus seiner Weite bin.
Putzentöög
Ick loop dör mien Huus herüm,
as’n Dier, dat wat söcht.
De Lapp is weg, de Eemer leeg –
de Ornung is verflöcht.
Dor flüstert still de Rest van Grips:
„Dunnerkiel, hör up, Marie!“
Man deep in’t Buuk, dor kribbelt wat,
un Ruh, de harr ik nie.
Siet ik nich mehr am Schrobben bün,
is allens dump un krank.
’n Krümmel hier, ’n Flecken doar,
keen Ding mehr richtig blank.
Ick dreih mi rund in’n Kring,
weil ik keen Enn mehr heb.
De Hannen wund, de Naggels af –
de Dwang höllt mi up Trab.
Ick kann dat Chaos nich begriepen,
de Stööf danzt fro un keck.
He wirbelt still empor, so licht –
un lacht mi eenfach weg.
Ick atm sacht, ik rör mi nich,
ick laat den Stööf blot sien.
He legt sik sacht op Huud un Hart –
un plötzlich bün ik fien.
Anmerkung:
Mein Gedicht auf Hochdeutsch:
Putzentzug
Ich laufe durch mein Haus,
wie’n Tier, das etwas sucht.
Der Lappen fort, der Eimer leer –
die Ordnung ist verflucht.
Da flüstert leis der Rest Verstand:
„Verdammt, hör auf, Marie!“
Doch tief im Bauch, da juckt mich was,
und Ruhe hatt ich nie.
Seit ich nicht mehr am Schrubben bin,
wirkt alles stumpf und krank.
Ein Krümel hier, ein Flecken dort,
nichts bleibt mehr richtig blank.
Ich dreh mich rund im Kreise,
weil ich kein End mehr hab.
Die Hände wund, die Nägel hin –
der Zwang hält mich auf Trab.
Ich kann das Chaos nicht begreifen,
der Staub tanzt frech und keck.
Er wirbelt still empor, so leicht –
und lacht mich einfach weg.
Ich atme sacht, ich rühr mich nicht,
ich lass den Staub nur sein.
Er legt sich mild auf Haut und Herz –
und plötzlich bin ich rein.
Der kleine Schütze (nach Pfeiffer)
Am Rand von Texas, fern und heiß,
da stand ein Junge, still und weiß.
Er zielte ernst mit fester Hand,
der Staub zog träge übers Land.
Ich fragte leis: „Was machst du da?“
Er rief: „Ich üb’, wie’s Daddy sah!
Der sagte: ‚Schieß! Du bist ein Mann,
drum fing ich früh mit Üben an.‘“
„Doch Junge“, sprach ich, „sei bedacht,
so’n Spiel hat schnell was falsch gemacht.“
Er lachte nur: „Ich geb gut acht,
und treff, bevor der Feind erwacht.
Dann sank die Sonne rot und krumm,
die Steppe schwieg, der Himmel stumm.
Und als der Tag sich still erhob,
lag Staub, wo einst ein Junge stob.
Anmerkung: Inspiriert durch das Gedicht von Pfeiffer „Der arme Junge“.
Auf jener Seite der Nacht
Wir gingen durch dick und dünn,
stolperten, fingen uns auf.
Manchmal tat mir dein Blick weh –
weil er traf,
genau dort, wo ich schwieg.
Du nahmst kein Blatt vor den Mund.
Deine Worte waren wie klare Luft –
oft kühl, doch manchmal heilsam.
Sie lehrten mich, mich selbst zu hören.
Wir gingen durch dick und dünn,
durch Tage aus Regen und Staub.
Ich glaubte,
das bliebe so –
bis ans Ende.
Dann kam die Stille.
Der Mond zog Schleier vor sein Gesicht,
und deine Stimme wurde Erinnerung –
ein fernes Flackern im Raum.
Ein Schauer griff nach meinem Herz,
nicht grausam – eher wissend.
Ich begriff:
Abschied ist nur ein anderes Wort
für Verbundenheit jenseits der Zeit.
Und wenn wir uns wiedersehen,
auf jener Seite der Nacht,
geh’n wir weiter –
wie damals,
durch dick und dünn.
Sünde im Treppenhaus
Frau Tratschi:
Haben Sie schon gehört, Frau Süsslich?
Die Hatnicht soll wieder Besuch gehabt haben.
Frau Süsslich:
Nachts?
Frau Tratschi:
Im Hellen, liebe Frau Süsslich.
Sünde am Tage – die reinste Schamlosigkeit.
Frau Süsslich:
Ich sag ja immer:
Wer nix hat, hat wenigstens Gesellschaft.
Frau Tratschi:
Frau Klug aus dem zweiten OG hat gesehen,
wie ein Mann vor ihrer Tür gekniet haben soll.
Frau Klug hat natürlich nachgefragt und die Hatnicht soll behauptet haben,
dass ein Herr auf ihrer Fußmatte ausgerutscht sei.
Frau Süsslich:
Wer’s glaubt …
Konnte Frau Klug denn wenigstens erkennen, welcher Mann das war?
Frau Tratschi:
Nein, leider nicht.
Die Klug hatte dummerweise ihre Brille in der Küche liegen – und Sie wissen
doch, wie blind die Frau ohne ist.
Ach ja, und gestern soll ein Strauß Tulpen vor ihrer Wohnungstür gelegen
haben.
Frau Süsslich:
Ha! Tulpen … im Oktober.
Ein sicheres Zeichen.
Frau Tratschi:
Ich sag’s ja nur aus Sorge.
Frau Süsslich:
Natürlich, reine Sorge.
Wissen Sie, mein Mann sagt,
man soll nicht über andere reden.
Frau Tratschi:
Wie weise.
Frau Süsslich:
Übrigens war er mal kurz bei ihr. Beruflich.
Frau Tratschi:
Beruflich?
Frau Süsslich:
Ja. Handwerklich.
Frau Tratschi:
Aha. Ich hoffe, mit Rechnung.
Frau Süsslich:
Nee, in bar.
(Kurze Stille.)
Frau Tratschi:
Und was hat er repariert?
Frau Süsslich:
Ihren Backofen.
Sie nennt ihn inzwischen beim Vornamen.
Frau Tratschi:
So? Und wie heißt er?
Frau Süsslich:
Willy.
(Stille.)
Frau Tratschi:
Hm. Finden Sie das nicht alarmierend?
Frau Süsslich:
Ja, schon.
(Pause.)
Frau Tratschi:
Also gut.
Wir reden am besten nicht drüber.
Frau Süsslich:
Nein.
Aber wissen Sie, was die Hatnicht hat?
Frau Tratschi:
Nee – was denn?
Frau Süsslich (leise, trocken):
Meinen Willy.
Seit März.
Seitdem backt sie für ihn.
(Lange Stille.)
Ende.
Nachklang
Du gehst, weil Kräfte schwinden,
und Würde dich trägt.
Denn Worte, die zu laut werden,
verlieren ihr Gewicht.
Du schreibst,
wie andere atmen –
präzise, uneitel,
mit der Geduld des Sehens.
Wer hinsieht,
spürt Haltung zwischen den Zeilen,
spürt, wie Denken leise werden kann,
ohne sich zu beugen.
Ich folgte deinen Sätzen wie Spuren
durch ein Gelände, das ich kenne.
Sie zeigen Richtungen,
aber keine Wege.
Manche hier sprechen über Stimmen,
du sprichst mit ihnen.
Deine Schärfe verletzt nicht,
sie klärt – und ist darum selten.
Denn wer den Blick bewahrt,
wo andere nur Wände sehen,
hinterlässt mehr,
als er mitnimmt.
Wenn du weiterschreibst –
wo auch immer das sein mag –,
werden die, die sehen, wissen:
Du warst nie weg.
Nur weiter.
Der, der das Boot nahm
Ich bin Robin, Sohn von Crusoe,
befind mich nah am Untergang.
Von Weitem grüßt mich sanft der Udo,
sein Haar weht schön und schulterlang.
Ich paddel wild in hoher Flut,
denk still an Ann und Jeanne zurück.
Nee, heute geht’s mir gar nicht gut –
ihr Schlaf war tief, das Boot mein Glück.
Ein Schuh treibt traurig auf ´ner Welle,
die Socken rufen: „Bleib gefasst!“
Der Himmel leckt an meiner Hölle,
der Wind hat seinen Dienst verpasst.
Ich ruf: „Wer hat den Kram verbockt?“
Doch keiner hört – nur Möwengrins.
Ich fluch, bin nass und tief geschockt,
da schnellt ein Fisch von hinten links.
´ne Graugans kräht: „Na, alter Held!“
und pinkelt mir ins Logbuch rein.
Ein Rettungsring zieht, wie bestellt,
vorbei und ruft: „Vertrau dem Sein.“
Mein Freund versinkt nun ganz im Meer,
ich sing ihm leis ein Abschiedslied.
Es kreist herab ein Vogelheer,
mein Fuß gibt sacht den Takt zum Beat.
Ein Hai erscheint, charmant, galant,
und fragt: „Na, Freund, wie wär’s mit mir?“
Ich reiche ihm gewandt die Hand,
er sagt: „Willkommen im Revier.“
Dann ruft von unten eine Muschel:
„Hier unten ist noch Platz genug!“
Ich sag: „Moment, ich hol den Fusel“,
und stoß mich ab zum letzten Schluck.
Nun wohne ich im Unterbauch,
die Wände blubbern warm und rund.
Hier unten schreibt man Träume auch –
auf Magenhaut, mit Tintenmund.
Wo Nähe bleibt
Das Abendspät verdunkelt Leeres,
die Feder ruht in meiner Hand,
als wäre sie unfassbar Schweres –
die Nacht wischt Farbe von der Wand.
Vergessen scheinen all die Weisen
von gestern und der Zeit davor,
die kalten, warmen, lauten, leisen –
und die, in die ich mich verlor.
Ich sitze still im Kreis der Stunden,
das Leben dreht – ich drehe mit.
Es brennen heiß vergangne Wunden,
doch auch das Glück hält treu den Schritt.
Die Gondeln wiegen sich im Schweigen,
durch Dämmer, Staub und fernen Traum.
Was einst zerbrach, will sich verneigen
und wächst zurück zum Lebensraum.
Ich spann behutsam meine Zeilen,
und leg mein Wort in milden Wind.
Verklungen ist das alte Weilen –
zu fein der Faden, den es spinnt.
Wenn sich der Tag in Stille legt,
und Licht auf meiner Spur verweilt,
spür ich ein Lächeln, das mich prägt
und manch Zerbrochnes langsam heilt.
Es ist ein zartes, mildes Schweben,
ein Stern, der durch die Nächte fällt.
Es lässt mich teilen, lässt mich geben –
und schreibt mich tief in diese Welt.
Und wenn die Wege leiser werden,
Verstummtes meine Schritte führt,
dann schwingt in mir, was blieb im Werden,
und mich im Innersten berührt.
Am Rande des Morgens
Ein Kind erwacht im Staub der Nacht,
sein Atem flackert – scheu, verhalten.
Ein Wind streicht durch das Dach, ganz sacht,
wie Hände, die bewahren wollten.
Die Mutter sitzt im Kerzenschein,
ihr Blick verliert sich, müd und trübe.
Wie fein der Faden muss doch sein,
an dem sich Zeit und Hoffnung übe.
Der Vater lauscht, das Gewehr bleibt stumm,
zu müde, Hass noch auszuhalten.
Er streicht dem Kind die Stirn – und drum
liegt Frieden flüchtig in den Falten.
Ein Dorf, zerfurcht von grauem Sand,
die Luft riecht nach verbrannter Erde.
Kein Feind, kein Held, kein Vaterland –
nur Menschen, die zu Menschen werden.
Und über Dünen, Schattenland
zieht Nacht ihr Tuch mit sanftem Beben.
Ein Kind, das in der Stille stand,
beginnt im Traum, sich still zu regen.
Ohne Hände. Ohne Augen. Ohne Schuld.
8:00 Uhr – Arbeitsbeginn
Im Haus von Krawall & Partner arbeitete man mit Hingabe, mit Haltung und mit
Herz, das im Takt der Schreibmaschinen schlug. Neonlicht bleichte die Haut. Tinte
sickerte in die Finger. Räume, so makellos gefügt, dass kein Gedanke mehr wagte,
aus dem Takt zu fallen.
Fräulein Unschuld glitt durch die Reihen, gleichmäßig wie ein Uhrwerk auf hohen
Absätzen. Ihr Lächeln – berechnet. Ihr Schritt – kontrolliert. Ihr Stift – ein
Protokollmesser.
Herr Rotkopf, der Buchhalter, glühte. Der Blutdruck arbeitete zuverlässiger als er.
Sein Kopf – ein roter Planet, kurz vor der Explosion.
Und von oben, unsichtbar, die Stimme von Herrn Krawall:
„Rotkopf! Wo bleiben die Zahlen? Haben Sie sie wieder verloren – wie Ihr Rückgrat,
Ihr Blut, Ihre Würde?!“
Die Worte prallten gegen Wände, tropften von den Decken, sickerten in die Akten.
„Herr Direktor, ich … die Listen …“
„Sparen Sie sich die Luft! Die Firma erstickt ohnehin an Ihnen!“
Fräulein Unschuld lächelte, ein Lächeln aus Papier.
Sie schrieb leise:
Er erstickt bald an sich selbst.
Unten, in der Tiefe, summte Herr Taub, der Hausmeister, ein Lied ohne Töne. Er
hörte nichts. Er verstand alles.
10:00 Uhr – Sitzung
Der Konferenzraum war ein Aquarium. Darin schwammen Worte, Titel, Tabellen.
Hüpfer sprach, den Rauch seiner Zigarette wie einen Gedanken in der Luft haltend:
„Die Belegschaft wird träge. Man müsste sie antreiben – mit glänzenden
Versprechen, mit dem Duft von Belohnung, mit einer Karotte, die niemals
näherkommt.“
Frau Delegation nickte, lächelte ihr dünnes Lächeln.
„Ich schicke die Aufgaben einfach weiter nach unten. Dort wachsen sie. Und wenn
sie groß genug sind, ernten wir sie hier oben.“
Schössling drehte eine Zigarre zwischen den Fingern, als prüfe er deren Geduld.
„Fräulein Unschuld“, sagte er, „tritt auf, als wüsste sie, dass man ihr nachsieht.
Wenn sie sich über einen Schreibtisch beugt, vergisst man leicht, was man
eigentlich sagen wollte.“
Ein Rascheln. Ein kurzes Luftholen. Rauch hing in der Luft wie Scham.
Hüpfer grinste.
„Sie sollten lernen, Schössling, wo man investiert – und wo man bezahlt.“
Brillant hob den Blick, die Stimme ruhig, doch mit der Härte eines gläsernen
Messers:
„Und wissen Sie noch, worin der Unterschied liegt?“
Niemand antwortete. Vielleicht, weil keiner ihn verstand … oder, weil er recht
hatte. Das Licht flackerte. Die Schatten an der Wand bewegten sich weiter, auch als
die Körper schon stillstanden.
12:30 Uhr – Zwischenfall in der Besenkammer
Die Kammer roch nach Staub und alter Seife. Zwischen Kartons und Putzmitteln
stand ein kleiner Schreibtisch, auf dem Aktenstapel lagen – ordentlich
beschriftet, so, wie nur sie es tat.
Fräulein Unschuld hatte die Tür angelehnt. Sie notierte Zahlen, hörte die Stimmen
aus dem Flur, wartete. Nicht auf jemand Bestimmten, sondern auf die
Gelegenheit, etwas zu beobachten, was sich sonst hinter Türen verbarg.
Schössling trat ein, langsam, sicher. Sein Grinsen breitete sich aus.
„Fräulein Unschuld“, sagte er, „ich hätte da ein paar Punkte zur Abstimmung – und
vielleicht einen Vorschlag, der nicht ins Protokoll gehört.“
Sie hob die Augen, kühl, wach, fast amüsiert.
„Ein Vorschlag? In der Besenkammer?“
Er trat näher. Sein Atem war nikotingeschwängert, sein Ton fast vertraulich.
„Hier wird doch am gründlichsten geputzt. Und was sauber bleibt, entscheidet man
zu zweit.“
Sie lächelte kaum merklich.
„Sie überschätzen Ihre Stellung, Herr Schössling.“
Er neigte sich leicht vor, die Stimme glatt, süffisant.
„Ach, Fräulein Unschuld – ich überschätze mich nie. Ich nutze nur, was sich
anbietet.“
Dann Stille. Eine Bewegung. Ein Geräusch, das wie Stoff klang, dann so etwas wie
ein Schlag. Fräulein Unschuld sagte:
„Sie sind nicht der Erste, der es hier versucht hat. Aber der Raum merkt sich
Gesichter.“
Draußen rumpelte Herr Taub mit seinem Wagen vorbei.
Er pfiff ein Lied, das niemand kannte, und das Gebäude atmete einmal schwer aus.
17:00 Uhr – Entlassung
Das Büro war heller geworden. Zu hell. Man konnte sich selbst darin nicht mehr
sehen.
Krawall stand vor den Tischen. Sein Gesicht glänzte wie poliertes Blech.
„Es wird gekürzt! Gnadenlos! Nur die Besten bleiben!“
Frau Delegation nickte:
„Ich habe die anderen schon notiert.“
Rotkopf hob den Kopf, doch seine Stimme klang wie ein Echo aus einem fremden
Raum.
„Wen meinen Sie mit ‚anderen‘?“
Brillant antwortete, ohne aufzusehen:
„Die, die zu oft fragen. Die, die zu wenig wissen. Oder die, die zu viel wissen.“
Ein Blick. Ein stilles Einverständnis.
Dann fiel Rotkopfs Kopf auf die Tastatur. Die Maschine schrieb weiter:
kkkkkkkkkkkkkkkkkkk Ein Ton. Ein Herzschlag. Eine Linie.
„Räumen Sie das weg“, sagte Krawall und ging. Sein Schatten blieb zurück.
23:00 Uhr – Nachtschicht
Die Firma atmete. Langsam. Regelmäßig. Wie ein Tier, das satt geworden ist.
Brillant saß im Sessel des Direktors. Das Licht summte über ihm, nicht hell, nicht
dunkel, sondern vollkommen gleichgültig. Auf dem Tisch: zwei Gläser, so klar, dass
man nicht wusste, welches leer und welches voll war. Darin spiegelte sich das Licht,
zweimal, einmal makellos, einmal leicht verzogen. Zwischen ihnen lag der Vertrag,
gerade, sauber, mit einer Unterschrift, die noch feucht schimmerte – wie eine
Narbe, die sich selbst versiegelt.
Unschuld trat ein. Sie stand im Türrahmen, als hätte das Licht sie gezeichnet und
gleich darauf gelöscht.
„Na also“, sagte sie. „Jetzt sind Sie der Direktor.“
„Ich war es schon lange“, sagte Brillant. „Nur das Schild fehlte.“
„Und die anderen?“
„Sie waren effizient“, sagte er, die Stimme ruhig, beinahe stolz. „Im Sterben wie im
Leben.“
Er nahm eines der Gläser und reichte es ihr. Für einen Moment spiegelten sie sich
gegenseitig. Zwei Gesichter. Zwei Gläser. Zwei Spiegelungen – eine Bewegung.
Sie trank. Lächelte. Starb.
Brillant stand nicht auf. Er sah auf sie hinab, so, wie man auf ein erledigtes
Schriftstück blickt. Dann schob er den Vertrag beiseite, legte ihn über ihr Gesicht
und sagte:
„Das war kein Sekt für Sekretärinnen.“
Er blieb sitzen. Die Feder in seiner Hand bewegte sich weiter, automatisch,
präzise. Seine Finger zuckten, doch nicht aus Gefühl, sondern aus Rhythmus. Die
Feder kratzte, tropfte, klang wie ein Uhrwerk. Oder wie ein Herz, das sich an Tinte
erinnert. Das Licht spiegelte sich noch einmal in den beiden Gläsern, als wollte es
ein letztes Mal prüfen, ob jemand übrig war.
Unten im Keller sang Herr Taub ein weiteres, unbekanntes Lied. Er war der
Vorletzte, weil er nie gehört hatte, was die anderen sagten. Er hatte nicht gelobt,
nicht gelogen, nicht gefragt. Er hatte nur geputzt. Genau das war es, was ihn am
Leben hielt. Sein Lied hallte durch die Rohre, bis es klang wie Strom.
Dann fiel das Licht aus.
Und die Firma arbeitete weiter. Mit Brillant am Schreibtisch, mit Taub im Keller.
Ohne Hände.
Ohne Augen.
Ohne Schuld.
Der Faschist von heute
Ich bin der Held, der Ordnung liebt,
der ruft, was andre kaum noch wagen.
Ich weiß genau, was falsch sich gibt,
und muss es stündlich neu ertragen.
Ich ruf nach Freiheit, laut und krumm,
doch meine Freiheit heißt Befehlen.
Ich liebe Volk – doch bleib ich stumm,
es soll mir folgen, nicht erzählen.
Ich schwör auf Land, auf Blut, auf Pflicht,
auf Ahnenruhm und Vater Ehre.
Doch Wahrheit trägt in meinem Licht
die Maske einer alten Lehre.
Ich hasse Schwäche, nenn mich stark,
weil andre zittern, wenn ich tobe.
Ich bau mir Wut zur Landesmark,
aus Lügen schmied ich meine Robe.
Ich füttre Netz mit Feind und Spott,
die Menge klickt in heil’gen Chören.
Ich spiel mich auf als kleiner Gott,
und lass mich liken statt belehren.
Ich liebe Krieg – im warmen Raum,
auf Monitor und Nachrichtbühne.
Ich trage Stahl nur im Programm
und nenne Angst ´ne Heldenmiene.
Ich habe Freunde, glatt und fein,
sie kriechen weich in meine Nähe.
Sie nennen Lüge „Mutigsein“,
solang ich kräftig drüberstehe.
Ich frühstück’ Neid und Missgunst roh,
er nährt mein Wort, er hält mich oben.
Ich nenn das ehrlich – ach, wieso?
Man hat mich schließlich schon gehoben.
Ich rede laut von Tradition,
von Heimat, Recht und Volksgedanken.
Doch unterm Ruf liegt die Mission,
die Macht zu mehren, nicht zu danken.
Ich lebe fett in dieser Zeit,
vom Elend, das ich selbst entfache.
Ich schwör auf Gott und Sicherheit,
solang ich selbst die Regeln mache.
Und wenn die Nacht das Land umweht
und keiner mehr Parolen schreit,
seh ich, wie spät mein Banner steht –
und was von mir im Dunkel bleibt.
Die Hetzer
Sie rufen laut: „Ich denk allein!“,
doch sprechen nur in fremden Tönen,
sie schmieden Witz aus hohlem Schein
und schwören Treu dem eignen Stöhnen.
Der Held mit Klick im Abendlicht,
verkündet laut die neue Richtung,
dass „Mut zur Wahrheit“ Pflicht verspricht,
doch endet’s stets in Ich-Verkrümmung.
Der Spötter schreibt mit stolzem Sinn,
sein Herz im Fett der Worte badend,
und glaubt, weil er empört darin,
die Welt sei klüger, selbstbeladend.
Der Lautmann schreit: „Ich bin kein Feind!“,
doch seine Hand zielt auf die Schwachen.
Wer anders denkt, wer leis erscheint,
den will er stolz zu Boden lachen.
Der Hetzer schreibt, als wär’s Gebet,
sein Wort aus fremden Federn brennend,
und glaubt, wer schweigt und lauschend späht,
sei höherstehend, weltverkennend.
Die Wahrheit tanzt im grellen Licht,
in Posen süß und Sprüchen heilig,
ein jener spricht: „Ich irr mich nicht“,
und irrt sich dabei fürchterlich.
Sie weiß, wie Wind durchs Feuer zieht,
wie Glut verlischt in alten Steinen,
dass, wer zu laut vom Worte glüht,
sich selbst verglimmt im eignen Weinen.
Blindblick
Er weiß, was wahr ist Tag für Tag,
verkündet’s laut – weil’s keiner fragt.
Im eignen Echo wohlgeborgen,
verkauft er gestern schon als morgen.
Er misst die Welt mit Löffelmaß,
rührt Wut zu Brei, serviert sie blass.
Und nennt das dann – man glaubt es kaum –
den heil’gen Klang vom „Wahrheitstraum“.
Sein Spiegelbild, das spendet Beifall,
der Rest bleibt stumm – welch schöner Schall.
Denn wer sich selbst so laut zitiert,
merkt selten, dass er sich blamiert.
Er frisst aus Kellen, ruft: „Ich seh!“ –
doch schaut nur in sein Eigenweh.
Die Welt ist rund, sein Denken flach,
und jeder Zweifel macht ihn schwach.
So läuft er Kreise Jahr für Jahr,
die Wahrheit längst nur Deko war.
Er ruft nach Klarheit, blind vor Glanz,
im Takt der eignen Ignoranz.
Neben dir
Wenn Wege brechen, stehe ich,
wo deine Schatten müde sind.
Ich halte nicht, ich halte mit –
bis wieder Licht im Morgen rinnt.
Wenn Worte fehlen, bleib ich still,
kein Trost aus Pflicht, kein leerer Schwur.
Nur Nähe, die nicht reden will,
und bleibt – wie alter Schuh im Flur.
Ob Zeit uns trennt, ob Welt verweht,
ob Stille durch die Stunden zieht –
ich bleibe dort, wo du noch stehst,
bis uns ein gleicher Atem wiegt.
Und wenn du fällst – ich fall ein Stück,
damit du weißt, du fällst nicht ganz.
Denn Freundschaft ist kein Zufallsglück,
sie hält – im Bruch, im Gleichgewicht, im Tanz.
Ein Klopfen zur rechten Zeit
Er kam, als sich der Morgen dehnt,
der Tag war jung, die Welt ganz still.
Ich saß im Schlafrock, leicht entlehnt
im Traum, der weiterträumen will.
Da klopft es sacht – ein heller Klang.
Ich stolpre hin, die Locken quer.
Vor mir ein Jüngling, federlang,
in Gelb, so schön – wo kam er her?
„Ein Päckchen nur“, so sprach er lind
und reichte’s mir mit frommem Blick,
als trüg er Botschaft, seltsam, blind,
von Liebe, Schicksal oder Glück.
Ich nahm den Stift, mein Herz geriet
in Unruh, aus dem Takt und Raum.
Mir war, als ob sein Schatten glüht,
wie Flügelschlag aus Morgentraum.
Er roch nach Regen, Staub und Wind,
nach Aufbruch, Frühlicht, Ferngeleit.
Ich dacht: Vielleicht bringt er geschwind
mir selbst ein Stück Verlorenheit.
Ich öffne leis das Päckchen mein –
ein Duft entströmt, mir wird ganz heiß.
Darin: zwei Slips, so zart, so klein,
bestellt zum Megaschnäppchenpreis.
Er grüßt zum Abschied, winkt und lacht,
sein Fahrrad glänzt im Sonnenlauf.
Und über mir, ganz sacht, ganz sacht,
geht grad die Morgensonne auf.
Seitdem wenn’s an der Türe klopft,
lauf ich schnell hin, im Négligé –
vielleicht, wer weiß, worauf man hofft –,
ob ich den jungen Boten seh?
Das Immermehr
Die Nacht verkauft ihr letztes Stück,
im Chromlicht flirrt die süße Lüge.
Ein Selfie wiegt viel mehr als Glück,
und Wahrheit trägt Designerzüge.
Der DJ mixt Bewusstsein pur,
verpackt in Drops aus „Love & Power“.
Er nennt’s Gefühlskultur – doch nur
klingt alles wie aus Werbe-Hour.
Mister Angel, neuer Dealer,
hat „Mindfulness“ im Logo stehen.
Er spricht vom Glow, wird selbst zum Healer,
sobald die Dosen übergehen.
Lia und Marc, perfekt inszeniert,
sie posten Nähe, glatt retuschiert.
Ihr Kuss, der künstlich arrangiert,
hat echtes Fühlen ausradiert.
An der Bar wird Trost serviert,
in Kelchen voll von Selbstversprechen.
Man lacht, als wär man inspiriert,
und übt das schöne Weltverbrechen.
Die Gläser flimmern, sacht verziert,
die Blicke tanzen – leicht verstört.
Ein Lächeln, das den Halt verliert,
bevor ein Wort den Boden stört.
Der Drink – so süß, so unbeschwert –
verspricht die Nacht, doch hält sie nicht.
Man träumt sich wach, halb umgekehrt,
im falschen Film, bei grellem Licht.
Die Tanzfläche – ein Menschenmeer,
das blinkt, verbrennt, sich selbst betört.
Ein jeder sucht das „Immermehr“,
bis keiner merkt, dass nichts mehr stört.
Ein Trunk, der löscht, was nie geschah,
die Zeit verrinnt in blassem Flirren.
Kein Blick, kein Name bleibt mehr da,
wo selbst die Spiegel Bilder irren.
Der Morgen kommt, verkatert, bleich,
das Neon schneidet durch das Schweigen.
Was blieb, bleibt stumm – so leer, so gleich –
kein Wort will sich mehr zeigen.
Susi Müller und die fliegenden Chefs
Seit zwanzig Jahren thronte Fräulein Susi Müller in der obersten Etage der Firma Wechselbäumchen
GmbH – die sich, wie es der Zufall des Bauplans wollte, ebenerdig befand.
Sie war eine Erscheinung: groß, mit langen Beinen, rotem Lippenstift und einer Brille mit schwarzem
Rand, die sie nicht aus Sehschwäche trug, sondern aus pädagogischen Gründen.
Wer sie unterschätzte, verlor meist schon im ersten Satz.
Fleißig wie eine Biene, pünktlich wie ein Uhrwerk und gefährlich bewaffnet mit einem Lächeln, das
jeden Tacker in die Knie zwang. In diesen zwanzig Jahren hatte sie fünf Chefs kommen und gehen sehen
– oder, wie sie es nannte, „kontrollierte Führungskräfte-Transformation“.
Herr Mohr, der erste ihrer Herren, war alt, rundlich und hatte sie einst höchstpersönlich eingestellt. Er
nannte sie liebevoll Müllerchen, sie ihn Möhrchen – und schon bald waren die beiden ein Herz und eine
Seele, getrennt nur durch den Schreibtisch und die Schamgrenze der 1950er-Jahre.
Sexuelle Ambitionen? Keine Spur.
Die beiden waren sich nah, aber nur auf der Ebene gemeinsamer Ablagefächer. Er vertraute ihr mehr als
seiner Frau, sie ihm mehr als der Personalabteilung – zwei Menschen, die sich im Büroalltag leise
mochten. Als Möhrchen in Rente ging, wirkte das ganze Gebäude verwaist. Selbst der Kopierer druckte
nur noch Schwarz. Ein paar Wochen später starb er – vermutlich, weil ihm niemand mehr ein „Guten
Morgen, Herr Möhrchen“ schenkte.
Dann kam Ivar Eriksoon – ein Lachen wie Donnerhall, ein Bart wie aus der nordischen Mythologie. Er
brachte Sonne in die Abteilung und Chaos in die Herzen. Nicht lange, denn während eines
Familienurlaubs ohne Familie – in Dänemark – lernte er die Liebe seines Lebens kennen: einen Mann mit
Sommersprossen und Segelohren. Zurück in Deutschland gestand er alles, kündigte und zog nach
Aggersborg, wo er fortan glücklich war und regelmäßig Postkarten mit Elchen schickte.
Kurz darauf sprang Monika Splett, Kollegin aus dem Sekretariat, aus Liebeskummer vom Dach. Niemand
hatte ihr gesagt, dass der „Wikinger“ längst die Mannschaft gewechselt hatte. Die Abteilung trug
Schwarz – die Kaffeemaschine auch.
Nach dem Sturm kam Huber – groß, sonnengebräunt, mit einem Lächeln, das selbst den Kopierer in den
Standby-Modus versetzte. Sein Hemd spannte an den Schultern. Frauen kippten in Ohnmacht, Männer
begannen spontan Liegestütze zu machen. Doch Huber wusste um seine Wirkung. Und so geschah, was
geschehen musste: Er wurde mit Heike Römer aus der Buchhaltung im Druckerraum von Frau Huber
persönlich erwischt – mitten im Ausdruck einer Quartalsbilanz.
Daraufhin tobte Frau Huber durch die Gänge, bewaffnet mit einem Feuerlöscher, und jagte ihren untreuen
Gatten bis zur Personalabteilung. Sie löschte alles – außer ihren Zorn. Huber versuchte noch, den Safe
mitzunehmen – ein letzter Akt der Geschäftstüchtigkeit. Doch bevor er die Tür erreichte, hatte Frau
Huber ihn bereits mit dem Feuerlöscher in die Enge getrieben. Die Polizei traf pünktlich ein und zog
beide aus dem Verkehr – ihm wurde der Safe entnommen, ihr der Feuerlöscher.
Dann erschien Hellwig – 161 cm groß, aber mit einem Ego, das die Raumhöhe sprengte. Er bestand
darauf, dass Susi sich setzte, sobald er den Raum betrat – um auf Augenhöhe mit ihm zu sein. Er erklärte
ihr, sie sei nicht sein Typ, was sie als Erleichterung empfand. Doch dann begann die systematische
Schikane: Arbeit geben, Arbeit nehmen, Arbeit woanders hin verteilen – eine moderne Form der
Sinnkrise mit ergonomischem Unterton.
Susi reagierte, wie sie immer reagierte und machte aus der Not eine Tugend: Sie lernte
Französisch. „Man weiß ja nie, wo man noch gebraucht wird“, dachte sie, während sie halblaut murmelte:
„*Je t’emmerde, Monsieur Hellwig.“
Eines Morgens kam Hellwig blass, schweißnass und begleitet vom Direktor. Er öffnete das Fenster –
vielleicht, um Frischluft zu schnappen, vielleicht, um Karriere zu machen. Dann folgte er, leicht
beschleunigt, seiner Aktentasche, die vorausflog hinterher. Die Polizei war, wie immer, pünktlich zur
Stelle.
Hellwig, so stellte sich später heraus, litt nicht nur an Charakterdefiziten, sondern auch an einer
ausgeprägten Vorliebe für Auslandskonten auf den Cayman Islands.
Nach diesem letzten Kapitel in der Chronik der Chef-Evolution beschloss Fräulein Müller, dass sie nun
genug gesehen hatte.
Sie kündigte und gründete ihr eigenes Unternehmen:
„Wechselbäumchen Consulting – Wir coachen Führungskräfte beim Absprung.“
Im Eingangsbereich steht eine glänzende Kaffeemaschine,
darüber ein Schild mit der Aufschrift:
„Wer zuerst springt, bekommt den besseren Abgang.“
Und Fräulein Müller?
Sie gießt die Büropflanzen, sortiert ihre Honorare und lächelt, als der Anrufbeantworter blinkt:
„Guten Tag, hier spricht Hellwig …“ Sie verschluckt sich am Kaffee, hustet kurz, blickt zur Decke und
murmelt:
„Hellwig? Der lebt noch?“
Die richtigen Fehler
Professor Dr. Ernst Fall war Forensiker in der Gerichtsmedizin, ein Mann, der den Schatten vertraute,
weil sie schwiegen. Seine Finger waren lang, feingliedrig, so schmal, dass die Gummihandschuhe Falten
warfen wie alte Haut. Er trug sie trotzdem, Ordnung verlangte Opfer.
Er legte Organe fast zärtlich in Schalen und sprach mit ihnen.
„Na, meine Damen und Herren“, sagte er leise, „wer von Ihnen hat zuletzt noch geschlagen?“
Die Leber schwieg, das Herz war befangen. „Ich notiere: Einstimmigkeit im Tod", murmelte Fall,
während er die Lungenflügel glattstrich. Ein kleiner Bläschenrest zerplatzte zwischen den Fingern. Er
lächelte. „Eindeutig genug.“
Mit der Feinsäge trennte er Knochen, ohne Eile, im Takt eines Mannes, der gewohnt war, dass alles nach
Plan zerfällt. Seine Nase tat das Übrige – sie registrierte den warm-säuerlichen Dunst, in dem Schuld,
Angst und Suppe ununterscheidbar waren.
Er glaubte an Zahlen, Etiketten und an sich selbst. Zufall war für ihn ein Wort aus der Esoterik. Humor
kannte er nur im Gespräch mit den Toten.
„Na, junge Frau – wohl den Kopf verloren?“ kicherte er, als die Dreißigjährige von letzter Woche in
gekürzter Ausführung auf der Liege lag.
An einem Montag bekam er zwei Fälle:
Fall A: Herr Klaus Trophobie – von einer Nachbarin in der Garage an einem Seil hängend aufgefunden.
Gestorben: Mord oder Suizid?
Fall B: Herr Perry Ode – in seiner Wohnung entdeckt, Gesicht nach unten im Perserteppich, der Schädel
aufgeplatzt.
Routine. Zwei Körper, zwei Tische, zwei Etikettensätze.
Dann hakte das Beschriftungsgerät und vergab neue Nummern: A3, B4, B5 …
Fall runzelte die Stirn, prüfte kurz – alles fortlaufend, korrekt. Ein System, das ordnet, kann nicht irren.
Wenige Tage später:
„Blutgruppe AB unter den Fingernägeln des Toten Perry Ode.“ Das war Klaus Trophobies Blutgruppe.
Für Fall war die Sache klar: Fremdes Blut = Abwehr = Opfer. Das fremde Blut gehörte Trophobie =
Täter.
Der Mörder hatte sein Opfer, das sich heftig gewehrt haben musste, erschlagen
und sich danach – wahrscheinlich aus Schuldgefühlen – erhängt.
„Na, Herr Ode … das war kein schöner Abgang“, sagte Fall und wandte sich zu Trophobie. „Klaus, Klaus
… was hat er dir bloß getan, dass du ihm den Schädel zum Denken geöffnet hast?“
Sein Gutachten lautete:
„Täter: Trophobie. Suizid infolge seelischer Belastung.“
Die Schlagzeile kam prompt: „Mörder richtet sich selbst!“ Das Land war erleichtert, die Statistik
zufrieden, und Professor Fall trank einen Schnaps auf die Effizienz der Beweisführung.
Frau Trophobie erhielt Post vom Amt: „Die Witwenrente wird vorerst ausgesetzt.
Laufendes Ermittlungsverfahren gegen den Verstorbenen.“
Sie bestellte ihre Lebensmittel beim Lieferdienst. Die Nachbarn wechselten die Straßenseite, der Sohn
verlor den Job beim Schlachter ... man vertraute ihm kein Messer mehr an. Die Tochter zog sich in ihre
WG zurück. Die Mitbewohner sprachen leise, wenn sie eintrat.
Wochen später bemerkte Ernst Fall den Fehler. Ein falsches Etikett – mehr brauchte es nicht, um Schuld
zu erschaffen. Er hielt inne, nur kurz, dann legte er die Akte beiseite.
„Herr Trophobie“, flüsterte er, „Sie sind unschuldig. Aber das System liebt runde Zahlen. Und Sie passen
so schön hinein. Ruhen Sie in Frieden:“
Ein Jahr später erhielt er eine Auszeichnung „für unerschütterliche Präzision“.
Er rahmte sie ein.
Am selben Tag bekam Frau Trophobie den Bescheid: „Antrag auf Wiederaufnahme abgelehnt. Kein
neues Beweismaterial.“ Sie drehte das Radio leiser, unterdrückte den Wetterbericht von vorgestern und
sah auf das verblasste Foto ihres Mannes. Dann nahm sie ein Bad und schnitt sich die Pulsadern auf.
Dr. Fall stellte unter die Urkunde ein Glas mit Formalin: darinnen ein loses Etikett: B4? Er betrachtete es
lange und lächelte.
Ordnung, dachte er, ist die schönste Form des Irrtums.
Das Reich der Filter
Sie tragen Filter statt Gesicht,
ihr Lächeln strahlt – perfekt und schön.
Ihr Reich sind Feeds im grellen Licht,
wo Algorithmen eitel frön.
Sie bauen Marken, lenken Träume,
ihr Wort ist Trend, ihr Blick Regie.
Sie streuen Glanz in leere Räume,
sie nennen Blendung Phantasie.
Sie posten Glück im Dauerregen,
verkaufen Nähe, Licht und Sinn.
Hinter Frames und Farbbelägen
schmilzt langsam jedes „Ich“ dahin.
Sie reden warm von Achtsamkeiten,
von Selbstliebe und Mut zur Ruh –
doch ihre Sätze, weich wie Seiten,
sind Markenfloskeln – PR im Nu.
Die Zeit rinnt durch vernetzte Hände,
die Herzen flimmern, fern und stumm.
Kein Blick mehr kennt ein wahres Ende,
kein Schweigen findet Raum und Ruhm.
Dann fällt das Netz, die Stimmen schweigen,
die Masken schmelzen, grell und sacht.
Und wer noch steht, wird leise neigen
den Kopf – dem echten Tag, der wacht.
Der Mord und wir
Es war nur ein Mord.
Ein einfacher, handlicher Mord, wie man ihn an einem Dienstagvormittag zwischen Kaffee und
Korrekturen erledigen könnte. Das Opfer hieß Ernst Stilbruch – ein Name, den die Literaturgeschichte
vermutlich für Ironie halten wird.Er starb unspektakulär, doch sieben Autorinnen und Autoren
beschlossen, ihn in einer Anthologie aufzunehmen.
Er starb also siebenmal – und jedes Mal anders.
Die Dokumentaristin
Tatzeit 10:47 Uhr.
Ein Küchenmesser, 16 cm Klinge, Edelstahl.
Ein Stich in die linke Brust.
Blutaustritt 0,3 Liter.
Täter gefasst.
Fall abgeschlossen.
Worte überflüssig.
Die Romantikerin
Ernst Stilbruch starb in ihren Armen, und sie fand, dass er das ganz wunderbar tat. Das Blut glitzerte im
Kerzenlicht, als hätte jemand den Schmerz vergoldet.
„Bleib dramatisch, mein Herz“, flüsterte sie, öffnete das Fenster – und folgte ihm in den Tod.
Der depressive Poet
Er stach zu, während ihm die Tränen über das Gesicht liefen.
„Verzeih, Ernst“, seufzte er, „aber einer von uns musste aufhören, sich Illusionen zu machen.“
Das Blut tropfte leise auf seine Notizen.
Er betrachtete die Flecken und fand sie schöner als jedes Gedicht.
Die Sadistin
Die Sadistin arbeitete sauber.
Sie zählte die Stiche, als ginge es um Noten.
Das Messer war ihr Taktstock, die Schreie die Partitur.
Ernst Stilbruch starb: rhythmisch, präzise, sauber.
Der Entdecker
stich
stich
meta stich
form fällt
rotpunktrotpunkt
blutwort: gelöscht
Die Dramaqueen
Sie schrieb die Szene in einem Atemzug und las sie mit Tränen in den Augen. Sie hörte die Schreie, sah
das Blut – und litt mehr als ihr Opfer. Ernst Stilbruch starb auf Seite drei, weil er ihre Dramatik nicht
mehr ertrug. Er entriss ihr das Messer und rammte es sich in den Bauch.
Am Ende notierte sie schluchzend: „Was für ein Ende!“
Der Erzähler aller Erzähler
Er tötete Ernst Stilbruch, weil das Verb es verlangte.
Manchmal muss ein Schriftsteller der Grammatik dienen.
Er wollte Pathos, bekam Blutflecken auf die Seite.
Also schrieb er die Szene um – diesmal aus der Sicht des Messers.
Am Ende saßen sie alle – außer der Romantikerin – die war ja tot ... zusammen in der Schreibwerkstatt.
Vor ihnen lag Ernst Stilbruch – etwas zerrissen, aber literarisch wertvoll.
Man einigte sich auf den Titel: Der Mord und wir.
Bebendes Bollwerk, brennender Bergpfad
Bergende Bastion,
bitter belagert,
bietet beherzten Bewohnern
brüchige Behausung.
Barden besingen
blutrote Begegnungen,
brutale Bande,
besiegte Banner.
Beherzter Beschützer
besteigt brandenden Bergpfad,
bekämpft bodenlose Bestien,
bis brennende Blicke
befreiende Beruhigung bringen.
Bastion bleibt bestehen,
bewacht, bewegt, bedacht,
behutsam betrachtet.
Die Beschwerde der Frau Immergrün
Im Dörfchen Krähwinkel-Unterbühl waltete Dorfpolizist Gustav Schnurrbein
über Recht und Ordnung. Eines windschiefen Nachmittags polterte Frau
Emerentia Immergrün, 89 Jahre, verwitwet, hager wie ein vertrocknetes
Spargelröhrchen und gefürchtet für ihren laserartigen Blick, ins Wachzimmer.
Sie roch nach Mottenkugeln, Fenchelsalbe und kleinbürgerlicher Entrüstung.
„Herr Schnurrbein!“, fauchte sie, „es ist nicht mehr auszuhalten! Seit drei
Tagen liegt eine Schnecke vor meinem Gartentor wie ein schleimiger
Wachposten und starrt mich respektlos an! Nichts unternehmen Sie! Nichts!“
Schnurrbein hob langsam die Brauen, als müsse er erst die Schwere des
Vorwurfs abwiegen. „Frau Immergrün, Schnecken verfügen laut Paragraph 7,
Absatz 3 meines persönlichen Moralhandbuchs über das Recht auf freie
Fortbewegung, sofern sie nicht terroristische Absichten hegen.“
„Terroristisch? Die beobachtet mich!“, röhrte sie. „Sobald ich das Gartentor
auch nur einen Fingerbreit öffne, reißt sie ihre Fühler hoch wie ein Signal! Das
ist doch eine Provokation – wenn nicht gar eine Drohung!“
Schnurrbein seufzte. In seiner Fantasie hätte er gern internationale Elite-
Einsätze gelöst, vielleicht mindestens ein Schmugglersyndikat enttarnt.
Stattdessen kämpfte er mit Mollusken.
Er nahm ein vergilbtes, offiziell wirkendes Formular „Schnecken-
Verdachtsmeldung Kategorie C (schleimig)“ aus der Schublade und schrieb
pflichtbewusst:
Verdachtsmoment: unhöflicher Blickkontakt.
Kaum hatte er die Feder abgesetzt, ertönte unter dem Schreibtisch ein
glucksend-schmatzendes Geräusch. Dort saß die fragliche Schnecke selbst:
eine auffallend selbstbewusste Vertreterin ihrer Art, mit winzigem rotem
Hütchen und einem Ausdruck tiefen, achselzuckenden Weltverständnisses. Sie
hob ihre Fühler zum Gruß.
„Aha!“, ächzte Frau Immergrün, „sehen Sie? Jetzt verhöhnt sie mich!“
Die Schnecke hustete leise, als wolle sie die Würde der Situation betonen, und
erklärte mit erstaunlich klarer Diktion:
„Ich bin Rechtsbeistand für wirbellose Minderheiten. Die Schuldfrage klärt sich
folgendermaßen: Frau Immergrün schuldet mir seit dem 18. Juni 1963 einen
Entschuldigungs-Keks, nachdem sie mich in ihrer Jugendzeit grundlos mit Salz
bestäubte und anschließend behauptete, es sei Forschungsarbeit gewesen.
Laut Artikel 1 des Wirbellosen-Ehrenkodex gilt: Wer salzt, muss büßen.“
Frau Immergrün öffnete den Mund, schloss ihn wieder, öffnete ihn erneut und
brach dann in ein spitzes Fauchen aus, das bis heute als zweiter Wind im
Dorfkalender geführt wird.
Bevor weitere Worte fielen, wölbte sich der Schneckenpanzer leicht, als stecke
ein uralter Mechanismus darin, und sie zog eine tadellos verpackte, fein
beschriftete Mahnung hervor, die sie mit einer langsamen, majestätischen
Schleimbewegung vor Schnurrbeins Füße legte.
Dann glitt sie hinaus, ohne ein weiteres Wort. Frau Immergrün sank
ohnmächtig zu Boden.
Schnurrbein aber starrte lange auf die Mahnung, überlegte gründlich, und
schrieb schließlich in sein Einsatzbuch:
„Fall ungelöst. Schuldfrage ungeheuerlich. Ich beantrage Dienstberatung mit
Psychologen, Zoologen und Konditoren.“
Die Beschwerde der Frau Immergrün – Teil II
Am nächsten Morgen lag über Krähwinkel-Unterbühl eine unspezifische Unruhe.
Noch bevor Dorfpolizist Gustav Schnurrbein seinen Schlüssel im Dienstzimmer
umdrehen konnte, hörte er es: ein kollektives Schmatzen, Murmeln, Glucksen.
Vor der Amtsstube wogte eine Ansammlung von Schnecken. Nicht eine Handvoll,
nein, ein ganzer Teppich aus glänzenden, langsam empörten Körpern, die aus allen
Richtungen des Umlands herangekrochen waren. Einige trugen winzige Schilder aus
zernagtem Blattwerk:
„Gleiches Recht für jede Schleimspur!“
„Nie wieder Salz!“
In der ersten Reihe stand die Rechtsbeistandsschnecke im roten Hütchen, nun mit
einer kleinen Umhängetasche aus Rindenleder. Sie räusperte sich – ein Geräusch
wie ein höfliches Blubbern – und rief:
„Wir verlangen die unbedingte Etablierung einer transspezifischen Würde-und-
Wohlstands-Schutzzone, behördlich gestützt und schleimdiplomatisch abgesegnet,
in der jedes molluskoide Lebewesen das unveräußerliche Recht erhält, ohne Salz,
Schreck oder gastronomische Begehrlichkeiten seiner natürlichen Fortbewegung zu
frönen.“
Der Chor antwortete mit entschlossenem:
„Schleim! Schleim!“
Schnurrbein blieb stehen. Er kannte diesen Blick der Masse. Das war nicht einfach
ein Schneckenhaufen. Das war eine Bewegung.
Doch es sollte schlimmer kommen. Vom Dorfteich her ertönte plötzlich ein
drängendes Quaken. Eine Delegation von Fröschen – grün, rundlich, entschlossen –
marschierte heran. Angeführt vom berüchtigten Fröschlein Eduard „Quakbert“
Ömmel, Träger der goldenen Libellenflügel für Zivilcourage.
Sie trugen Schilder aus Schilf:
„Keine Froschschenkel mehr im ‚Tanzenden Brummer‘!“
„Wir sind Gäste, kein Menü!“
Hinter ihnen hüpfte ein besonders kleiner, aber höchst überzeugter Frosch, der
unablässig rief:
„Ich bin nicht zum Dippen da!“
Die Schnecken blickten verunsichert, doch dann nickte eine altgediente
Weinbergschnecke weise.
„Solidarität unter Weichtieren und Amphibien“, murmelte sie.
Und als ob das nicht genügt hätte, mischten sich nun auch einige der
exzentrischeren Dorfbewohner ein:
Luitpold Knolle
das selbsternannte Kartoffelorakel, das behauptete, die politische Lage anhand von
Keimaugen deuten zu können. Er schwenkte eine riesige Knolle und rief:
„Die Wurzeln fordern Mitspracherecht!“
Gertrud Stibitz
eine notorische Kräutersammlerin, die streng roch wie ihre selbstgemachte Beinwell-
Emulsion. Sie hob ein Bündel Pfefferminze:
„Pflanzenrechte! Wir haben auch Gefühle! Wir sind nur leisere Leute!“
Meta Schlümpfchen
die Dorfpoetin, die grundsätzlich in Reimen sprach und nie verstand, warum das alle
irritierte. Sie säuselte:
„Der Frosch, die Schneck’, das Pflänzlein klein – sie rufen laut: Wir wollen
sein!“
Die Menge wuchs. Schnecken und Frösche bildeten eine bizarre Front, dahinter die
Menschen, davor wackelige Schilder, dazwischen eine ständig wachsende Duftwolke
aus feuchter Erde, Angstschweiß und Gertruds Kräutersalbe.
Schnurrbein fasste sich an die Stirn. Das war kein gewöhnlicher Morgen. Das war
ein interspeziespolitischer Ausnahmezustand. Oder wie er es in seinem Kopf
formulierte:
„Ein Alptraum!“
Die Rechtsbeistandsschnecke schob sich würdevoll nach vorn. „Herr Schnurrbein“,
sagte sie mit bedächtiger Klarheit, „wir sind hier, um unser Anliegen in aller
Deutlichkeit vorzutragen.“
Er schluckte.
„Die Schneckenversammlung fordert:
- Eine gesetzliche Salzverbotszone im gesamten Dorf und Umland.
- Offizielle Anerkennung der Schleimspur als Wegerecht.
- Und die sofortige Prüfung, warum im Speiselokal ‚Zum taumelnden Brummer‘
immer noch ‚Froschschenkel‘ auf der Karte stehen.“
Ein empörtes Quakkonzert bestätigte den letzten Punkt eindrucksvoll. Schnurrbein
blätterte verzweifelt in seinem Moralhandbuch. Es gab keinen Paragraphen für
interspezielle Großdemonstrationen. Nicht einen.
„Meine Güte“, murmelte er. „Ich wollte doch nur meine Ruhe.“
„Nix mit Ruhe“, sagte Quakbert Ömmel mit erhabener Froschgravität.
„Hier geht es um das Tierwohl!“
Schnurrbein seufzte. Er wusste: Heute würde nichts, wirklich gar nichts, geregelt
werden.
Die Beschwerde der Frau Immergrün – Teil III
Gustav Schnurrbein hatte sich am späten Nachmittag heimlich in die
Besenkammer zurückgezogen, um ein wenig Ruhe zu inhalieren. Doch das
Schicksal – genauer gesagt der Krähwinkler Amtstelefonapparat – hatte andere
Pläne. Er klingelte mit einer Entschlossenheit, die auf ein erneutes Drama
schließen ließ.
Schnurrbein seufzte so tief, dass der Besen sich erschüttert aus dem Eimer
lehnte. Er verließ die Kammer, schleppte sich gottergeben zum Schreibtisch
und nahm ab.
„Schnurrbein.“
Stille.
Dann ein dumpfes Krächzen.
„Hier spricht … Brunhild Borkenhauer.“
Schnurrbein bekam Schnappatmung. Brunhild Borkenhauer. Die Achte
Zwergin. Die, von der man munkelte, sie sei aus den Märchen entfernt
worden, weil sie sämtliche Fußnoten in kleine Gartenzwerge verwandelt hatte.
„Was gibt es denn, Frau … äh … Borkenhauer?“ fragte Schnurrbein mit der
Stimme eines Mannes, der innerlich sein Testament überarbeitete.
Brunhild räusperte sich.
Da sah er sie – sie telefonierte vom Nebenapparat des Kollegen Wichtig, der
sich gerade an der Ostsee erholte. Sie war ungefähr so groß wie ein pralles
Sofakissen, das sich aus Trotz zusammengefaltet hatte, um effizienter
schimpfen zu können. Ihr Haar: ein rotbraunes Wirrwerk, eine Art explodierte
Waldkobold-Gedankenwolke. Ihr Blick: funkelnd, aufmüpfig, viel zu lebendig
für eine amtliche Schwarzseherin. Dazu trug sie eine grün-violette
Zwergentracht.
Was niemand im Dorf wusste: Brunhild war gar keine echte Zwergin. Sie war
eine humorvolle Koboldin, die sich tarnte – wegen der besseren
Rentenoptionen.
„Ich beschwere mich offiziell“, sagte sie. „Über die Demonstration.“
„Welche denn?“ fragte Schnurrbein vorsichtig.
„Alle!“ röhrte Brunhild. „Die Schnecken. Die Frösche. Diese Kräuterhexe mit
der Beinwellpampe. Und dieser Kartoffelmann mit seinem revolutionären
Gemüse! Sie blockieren meinen Weg zum Dorfbrunnen! Ich wollte mich dort –
wie jeden Tag – über die Weltlage beschweren, aber ich kam nicht durch!“
„Haben Sie versucht, außen herumzugehen?“
„Ich war zweimal kurz davor, jemanden aus Versehen glücklich zu machen!“,
fauchte Brunhild. „Das wäre … fatal!“
Schnurrbein nickte.
Brunhild war Schwarzseherin aus Leidenschaft.
Offizielle Berufsbezeichnung: Orakel für negative Ausgangsszenarien,
Schwerpunkt pessimistische Prognostik. Ihr Einkommen beruhte darauf, dass
die Dinge schlecht liefen. Optimismus galt steuerrechtlich als
Berufsgefährdung.
„Also fordern Sie …?“
„Ruhe!“ schrie Brunhild. „Ordnung! Und ein sofortiges Verbot jeglicher
spektraler Lebensfreude im öffentlichen Raum!“
Im Hintergrund hörte man etwas schwer umfallen – vermutlich der Besen.
Draußen ertönte ein Panikschrei. Schnurrbein stürzte hinaus – und da saßen
sie alle: Schnecken, Frösche, Kräuterweiber, das Kartoffelorakel.
Alle starrten auf die Zwergin, die neben Schnurrbein stand wie eine
fingerhutgroße Naturgewalt. Sie hatte ein winziges Klemmbrett ausgepackt,
dazu einen Bleistift, der verdächtig an einen Knochen erinnerte. Während
Brunhild auf dem Klemmbrett schrieb, begann der Stift leise zu knurren.
„Ruhig, Waldi“, murmelte sie. „Wir sind gleich durch.“
Dann las sie vor:
„Gemäß Beschwerdeverordnung 3b, Abschnitt 7 ›Unerlaubte Moralanhebung
im öffentlichen Raum‹ verhänge ich hiermit ein Bußgeld in Höhe von …“
Die Schnecken kreischten. Die Frösche kippten fast rückwärts. Meta
Schlümpfchen reimte im Atemnot-Takt. Gertrud Stibitz stürzte kopfüber in ihre
Beinwell-Emulsion.
„Brunhild!“, rief Schnurrbein. „Wollen Sie das Dorf ins Chaos stürzen!?“
Brunhild blinzelte ihn unschuldig an.
„Das Dorf ist das Chaos. Ich mach nur die Buchhaltung.“
„Sie können doch nicht alle bestrafen!“, rief Schnurrbein.
„Ich bestrafe die Welt aus Prinzip gleichmäßig“, sagte Brunhild. „Das ist meine
Form von Gerechtigkeit.“
Ein Windstoß erfasste das Bußgeldformular.
Es segelte elegant – wie ein Todesurteil im Ballett – direkt in den Dorfteich.
Quakbert Ömmel sprang hinterher, fischte es heraus, las, erbleichte – und
flüsterte:
„Da steht … wir müssen alle … Bußgeld zahlen.“
Stille.
Schockstarre.
Dann:
Flucht.
Alle.
In alle Richtungen.
Nicht metaphysisch. Ganz praktisch.
Nur Brunhild blieb stehen.
Ihre kleine Gestalt warf einen langen Schatten, der aussah wie drohendes
Verwaltungsrecht.
Sie hob triumphierend ihr Klemmbrett.
„Ha! Wieder ein Tag gerettet.“
Schnurrbein schrieb in sein Einsatzbuch:
„Fall beendet. Ursache: Bürokratie. Wirkung: Massenflucht.
Neue Gefahr: Achte Zwergin.“
Hinter einem Busch hockte Brunhild, rieb sich die Hände und kicherte.
Ein Koboldkicher. Ein gefährliches.
Und gleichzeitig … irgendwie entzückend.
Still hinter dir
Du zarte Stille, mein verborgen Licht,
ein feiner Riss zieht durch dein Angesicht.
Dein Schritt ruht noch im jungen Morgenrot,
doch heimlich weht ein Hauch von fernem Sog.
Ich lese leis ein Beben tief in dir,
ein irrer Klang zwischen Jetzt und Hier,
ein Flackern dort, wo Wärme still verblieb,
ein Stolpern, das durch helle Wege trieb.
Du kamst getragen von der Zeit ins Sein,
gebettet weich in liebevollen Schein,
doch nun berührt dich Dornenhauch so sacht,
der ungesehen in dir still erwacht.
Dein Blick verliert sich im entfernten Glanz,
im Blendwerk kurz, im flüchtigen Tanz,
ein Wispern hebt dich ohne Widerstand,
und löst dich leise von vertrauter Hand.
Ich steh am Rand des schmalen Pfads aus Zeit,
seh jede Krümmung deiner Zartheit weit,
mein Herz hält schützend deine zarte Hand,
und geht mit dir bis an des Weges Rand.
Silberfaden
Sie flüstern Worte, die wie Wahrheit scheinen,
doch tragen sie den Frost im falschen Laut,
sie lassen dich an kalten Flüssen weinen,
wo Lachen in ein fernes Echo taut.
Die Schatten zischeln deinen Namen leise,
ein kalter Schritt folgt lautlos durch die Nacht,
sie kriechen tief in deine hellen Kreise,
bis Schweigen fällt und dich gefangen macht.
Ich sehe dich in fremden Spiegeln steh’n,
dein Bild zerbricht im fahlen Gegenlicht,
ich möchte still durch deine Mauern geh’n,
die leise wachsen, Schicht um Schicht, um Schicht.
Und fällst du auch in Tiefen ohne Grund,
so leucht ich noch in deinem dunklen Raum,
bleib stiller Nachklang, leise, zart und wund,
ein Silberfaden in dem tiefsten Traum.
Und eines Tags, wenn Nebel sich verlieren,
wenn deine Seele wieder atmen kann,
wirst du mein leises Flüstern in dir spüren:
Ich war nie fort. Ich blieb in deinem Bann.
Mensch
Die Tiefen wollte er bezwingen,
vom Zug der Wellen fortgebannt,
um ferne Wasser zu durchdringen,
vom alten Ruf der See entbrannt.
Das Wasser zog ihm enge Kreise,
der Abgrund flüsterte von Macht
die Stille sprach auf ihre Weise,
wo kaltes Schweigen einsam wacht.
Ich stand am Rand und in starrer Nacht,
und sah sein Wüten wild und roh,
wie Gier nach Beute in ihm lacht,
bis selbst die Flut in Qualen floh.
Er knüpfte Netze um das Leben,
ließ Blutes Spur im dunklen Blau,
um sich der Gier ganz hinzugeben,
als Herr von Welle, Salz und Tau.
Er glaubte, alles sei ihm eigen,
was Tiefe je ihm schweigend bot,
doch sah ich Rot im Wasser steigen,
wo stumme Wesen trieben tot.
Ich sah, wie Schwämme sacht versanken,
Korallen bleich im stillen Grund,
wie Wale durch die Weiten schwanken,
aus wundem, altem Meeresmund.
Ich stand vor einem leeren Strande,
wo einst die reiche Flut sich bog,
sein Geist wie Staub im Niemandslande,
der lautlos in die Schatten zog.
Er wollte neu, die Nacht beenden,
dem Leben eine Richtung leih‘n,
die Gier aus seinen Adern wenden,
um sanft im Gleichgewicht zu sein.
Doch mehr war längst zerstört als heilte,
die Umkehr kam zu spät, zu schwer,
ich sah, wie seine Hoffnung eilte
verloren über graues Meer.
Nun steht er vor den schwarzen Tiefen,
kein Flimmern mehr im toten Spiel,
mein Blick streift Schatten, die dort schliefen,
verloren fern von Zeit und Ziel.
Flügelschläge im Innern
Manchmal steigt mein Herz auf
wie Dunst über unausgesprochenen Sätzen,
zieht Fäden aus Morgenlicht
durch die dünne Haut der Stille.
Ich sammle euch,
ihr Zungenlichter –
nicht wie Besitz,
sondern wie Berührung.
Federreste unsichtbarer Vögel
legen sich in mein Inneres,
und jeder Laut
wird ein tastender Flügelschlag.
Ihr seid mein Atem
jenseits der Lunge,
mein Kompass aus Tinte,
der mich durch unbetretene Gärten führt,
in denen nichts blüht
und doch alles möglich ist.
Die Fantasie
ist kein Ort,
sondern ein offenes Fenster,
an dem eure Stimmen wachsen,
leise, unaufhaltsam,
wie Efeu aus Zeit.
Ich liebe euch
nicht laut,
nicht greifbar,
sondern wie Wärme,
die im Dunkeln bleibt
und doch führt.
Manchmal werde ich selbst zu Papier,
zu einer Fläche aus Lauschen,
auf der ihr euch niederlasst
wie Staub aus Sternen.
Bleibt.
Nicht als Worte.
Als Puls.
Als Öffnung.
Als heimliche Bewegung
unter meiner Haut.
Denn ohne euch
wäre ich eine verschlossene Strophe,
ein Garten ohne Regen,
ein Himmel ohne Flug.
Innenflug – für meine AchteZwergin
Ein Aufstieg beginnt -
über Sätze,
ins Licht.
Worte kommen
als leise Berührung.
Federn sinken,
ein Laut wird
Flügel.
Tinte weist Wege.
Ein Fenster atmet.
Stimmen wachsen
im Grün des Anfangs.
Wärme hält mich
im Dunkeln.
Ich werde Papier.
Ein Hauch Licht
ruht auf mir.
Bleibt –
als Puls,
als Öffnung,
als leise Bewegung.
Ohne euch
bin ich
eine verschlossene Zeile.
Nebelzug ins Gestern
Sie marschieren wieder,
die Pappnasen,
Nichtversteher
und Dumpfbacken –
ein Triumphzug
geistiger Minderleistung,
laut hupend
mit leerem Tank
und noch hohlerem Kopf.
Man erkennt sie sofort:
Sie tragen Gedanken wie Stolperfallen,
platzieren sie sich selbst vor die Füße
und wundern sich anschließend,
dass die Welt so kompliziert sei.
Die Pappnase
probt täglich den Aufzug ins Gehirn,
doch der Fahrstuhl bleibt stecken –
mangels Etagen.
Ein einzelner Dachboden
ohne Dach.
Der Wind pfeift hindurch
und trägt jeden Ansatz von Gedanken davon.
Der Nichtversteher
brütet stolz
über Missverständnissen,
bis sie ihm ausschlüpfen
wie kleine, fiepende Dummheiten.
Er füttert sie
mit Halbwissen
und wundert sich,
dass sie wachsen.
Die Dumpfbacke indes
hält sich für die dunkle Königin
des Denkens.
Sie thront
auf einem Sockel aus Vakuum,
salbt jeden Einfall
mit der goldenen Regel:
„Wenn ich’s nicht verstehe,
ist es bestimmt falsch.“
Ein Dogma,
zierlicher als jede Ketzerei.
Sie debattieren,
verhandeln,
gestikulieren –
und erschaffen dabei
eine neue Geistesdisziplin:
das professionelle Nichtdenken.
Ein Studiengang
für jene,
denen schon das Atmen
als intellektuelle Herausforderung gilt.
Wenn sie in ihren Hirnkammern
nachschauen,
ob irgendwer zuhause ist,
hallt nur ein Nichts zurück:
„Besetzt!“ –
doch niemand meldet sich.
Und dennoch
sind sie überzeugt,
die Welt erklären zu können.
Wie?
Mit Worten,
die sie nicht verstehen,
Argumenten,
die sie nicht besitzen,
und einer Selbstgewissheit,
die nur dort gedeiht,
wo kein Gedanke überlebt.
So ziehen sie weiter,
wieder und wieder –
ein Karneval
kognitiver Resteverwertung.
Hinten weht ein Banner:
„Hier bläst der Wind
durch längst entfesselte Brandherde.“
Der tütelige Brommhardt - Teil I
Es begab sich zu jener Zeit, als Weihnachtsmann Brommhardt vermutete, seine
Rute im Rentierstall, seine Brille im Keksteig und sein Gedächtnis im Hochsommer
1998 verloren zu haben.
Seit Tagen murmelte er nur noch:
„Wo hab ich denn … ach herrjeh … ist morgen schon Weihnachten?“
Rudolph, der mitgedacht hatte, trug vorsorglich ein Namensschild:
RUDOLPH – BITTE NICHT ALS SCHLITTEN VERWENDEN!
Im Vorjahr, hatte Brommhardt ihn nämlich versehentlich rückwärts eingespannt.
Der alte Mann hatte inzwischen auch eine neue Methode entwickelt, Geschenke zu
sortieren:
Alles, was glitzerte, kam unter „braves Kind“, alles, was nicht glitzerte, unter
„vermutlich Erwachsener – schwierig“. Das führte dazu, dass Tante Hildegard ein
Einhorn bekam und die kleine Mia ein Steuergerät für einen Waffeleisen-Prototypen
aus dem Elflabor.
Als er schließlich losfliegen wollte, bemerkte Brommhardt, dass er den Schlitten
eigentlich mit Biokraftstoff füllen wollte und stattdessen die Rentiere mit Zimtsirup
massiert hatte. Sie dufteten zwar herrlich, flogen aber im Zickzack wie betrunkene
Drohnen.
Über Skandinavien klagte Brommhardt:
„Warum ist der Nordstern schon wieder weg?“
Die Elfen erklärten ihm geduldig, dass er lediglich der roten Nase von Rudolph
folgte und sich damit zuverlässig selbst im Kreis navigierte. Schließlich landete er,
statt in Berlin, auf einem kleinen Acker in Brandenburg, wo ihn eine verwirrte
Gruppe Hühner ehrfurchtsvoll anstarrte.
„Aha, brave Kinder!“, rief er begeistert und verteilte Nussknacker, Plüschdrachen
und ein sehr irritiertes Lebkuchenmännchen, das unverzüglich zum Vorsitzenden
des Hühnerhofs gewählt wurde.
Die Kinder der Welt bekamen ihre Geschenke trotzdem:
Die Elfen hatten längst einen Notfallplan entwickelt, der vorsah, dass sie ab dem 15.
Dezember alles Wichtige selbst übernahmen und Brommhardt nur noch
symbolische Aufgaben überließen – wie Kekse essen und freundlich winken.
Und so winkt er bis heute.
Neuerdings allerdings auch im Juli, was bereits zu mehreren diplomatischen
Missverständnissen führte und zu einem Schneesturm mitten im Hochsommer, weil
Brommhardt felsenfest behauptete:
„Ich glaube, es ist gleich Heiligabend.“
Die Elfen lassen ihn gewähren. Es stört ja niemanden. Solange er nicht wieder die
Rentiere einölt.
Und jedes Mal, wenn Brommhardt fragt, welcher Tag heute sei, antworten die Elfen
im Chor:
„Morgen ist Weihnachten, Chef.“
Einfach, weil es ihn so glücklich macht. Und weil er dann den ganzen Tag winkt,
anstatt irgendwo zu landen, wo Hühner leben.
Wie ein Vogel im Zwischenraum
Ich nenne es
die stille Linie
zwischen zwei Welten …
ein Faden,
nicht gespannt,
nicht gerissen,
nur da.
Und manchmal,
wenn die Nacht vergisst,
dass sie dunkel sein soll,
leuchtet etwas auf,
das nicht mir gehört
und doch in mir wohnt.
Ich lasse es,
wie man einen Vogel lässt,
der nie landen durfte.
Die Anatomie des Neids
Wer Formen misst, statt Sinn zu sehn,
hat längst die Sicht verlernt.
Wer Wandel spürt und „Lüge“ schreit,
ist meist nur selbst verzehrt.
Aus manchen Zeilen steigt empor
ein Schatten, still und schlicht:
Wer Täuschung ruft, wo keine ist,
entlarvt vor allem –
sein Gesicht.
Wer jedes Maß zum Urteil macht,
verengt den eignen Geist.
Wo Wechsel fließt, wird rasch Verdacht
zum kleinen Herrschaftstrick.
Und wer in fremden Zügen „List“
und „Schummel“ wittern will,
der spricht vor allem eines aus:
die Angst –
im eignen Bild.
Aus Ritzen, die die arme Seele scheut,
da sinkt ein alter Trieb hinab.
Ein Augenschnitt, fixiert auf fremdes Sein,
enthüllt, was tief im Innern blieb.
Wo stiller Mangel Übermaß
an andren Silhouetten sucht,
entlarvt der Drang nach Deutung stets
den Kern –
verdrängter Furcht.
Die Königin des Türvorhangs
Es lebte einmal im kleinen Reich der Tastaturritter eine Frau, die sich selbst für
die letzte Instanz über alles hielt, was ein Gesicht hat. Sie titulierte sich als
„Patronin der ungebügelten Realität“, obwohl – Ironie des Schicksals –
niemand je ihr eigenes Antlitz gesehen hatte. Man kannte nur ihre Initialen,
hinter denen sich ein erstaunlich massives Brett verborgen hielt.
Doch wehe dem, der ein Foto von sich zeigte. Sofort erhob sie sich –
schmallippig, spitz kommentierend, im eifrigen Auftrag des Neides – und
erklärte, wer angeblich was „schönt“.
Ja, sie führte sogar Protokoll über die Häufigkeit wechselnder Avatare – als sei
das Internet ein Beichtstuhl und sie dessen gestrenge Oberin.
Es war die Art von Urteil, die nur jemand fällt, der sein eigenes Spiegelbild seit
Jahren hinter einem Türvorhang verbirgt.
Das Merkwürdige daran: Während sie über andere herzog, wagten es manche
Menschen – jene, die sich vom Spiegel nicht bedroht fühlten – einfach zu
lächeln.
Diese Menschen stellten Bilder von sich ein, wie sie waren: mal begeistert, mal
müde, mal strahlend, mal ungeschminkt; von gestern, von letzten Monat, vom
letzten Jahr, von heute – aber immer echt.
Ohne Filter.
Ohne Weichzeichner.
Ohne Angst.
Denn wer nichts zu verstecken hat, braucht keine Verschönerungen.
Doch die Patronin verstand nicht, wie man so frei sein konnte; dass es
Menschen gibt, die ihr Gesicht zeigen, ohne vorher die digitale Bügelmaschine
anzuwerfen. Also schrieb sie kleine Seitenhiebe, angeblich „über niemand“,
obwohl jeder wusste, dass sie damit genau eine Person meinte: diejenige,
deren Echtheit sie am tiefsten verstörte. So saß die Patronin weiterhin auf
ihrem Hügel aus Missgunst, schoss Pfeile ins Dunkel und wunderte sich, dass
sie fast allein war. Zwei, drei Mitläufer hielten ihr die Stange.
Am Ende zeigte sich:
Ihre größte Angst war weder das Altern noch das Aufdecken, nicht einmal das
Internet.
Ihre größte Angst war etwas viel Einfacheres:
Jemand könnte sie sehen:
Mit ihrer Bösartigkeit, dem verkniffenen Mund, den misstrauisch
zusammengezogenen Augen, der Eifersucht, die wie ein Grauschleier über
ihrem Denken lag, und jener starren Krampfhaltung, in der Menschen
verharren, die anderen das Lächeln missgönnen, weil sie selbst keins mehr
hervorbringen.
Der tütelige Brommhardt – Teil III
Es war ein seltsamer Tag am Nordpol, ein Tag, der nicht wusste, ob er der 1. Dezember, der 29.
Februar oder Silvester sein wollte. Brommhardt entschied kurzerhand, es sei alles zugleich – und
so stapfte er übers Eis, begleitet von einer kleinen Tröte, die „O Tannenbaum“ in dünnen, schiefen
Tönen flötete.
Zur selben Zeit hatte sein Bruder Bollwin eine Eingebung. Er war fest überzeugt, dass jetzt, in
diesem wunderlich wankenden Morgenlicht, der perfekte Augenblick für die große
Weihnachtsrede gekommen sei.
Die Elfen, die schon viele solcher Eingebungen erlebt hatten, lösten Alarm Nummer 47 ... die
höchste aller Warnstufen aus: „Bollwin hat eine Idee.“
Bollwin verkündete, Weihnachten brauche neuen Glanz, stürmische Innovationen und eine
ordentliche Portion Glitzer. Währenddessen wickelte er Donner, das stoischste aller Rentiere, in
Geschenkpapier wie ein übergroßes Überraschungsei.
Brommhardt klatschte begeistert und nannte Bollwin „Pastor“, woraufhin dieser stolz „Ich bin
Prophet!“ rief – ein Wort, das in den Ohren der Elfen klang wie eine entfernte Bedrohung.
Im Festsaal baute Bollwin sich ein Rednerpult aus drei Bierkisten, einer alten Tür und dem Schal
eines Elfen, der kurz darauf ohnmächtig wurde. „Nordpolianer!“, rief Bollwin. „Ich sehe …
Feuerwerk!“ Und ehe jemand eingreifen konnte, loderten Wunderkerzen, brannten Tischdecken,
flüsterten Vorhänge und loderte Bollwins Mütze wie ein kleiner, verirrter Sonnenaufgang.
Brommhardt jedoch rief entzückt: „Ein Sternschnuppenregen! Ich wünsche mir … ach, was wollte
ich? Und wer bist du gleich?“
Die Elfen drückten den großen Alarmknopf. Vom Dach fielen eine Löschdecke und ein Becher
Glühwein. Der Glühwein zähmte Bollwins Tatendrang und überzeugte ihn, die Rede auf
irgendwann zu verschieben – vielleicht auf Ostern.
Brommhardt spazierte inzwischen über die Eisflächen und grüßte freundlich alles, was sich zeigte:
eine Robbe mit schiefem Blick, einen Schneehaufen mit melancholischer Aura und den Nordwind
selbst, der daraufhin aus beleidigtem Stolz einen Schneesturm auslöste.
Später fand Brommhardt Bollwin vor einer Tanne, der dieser gerade zuflüsterte: „Du wirkst so
symmetrisch, möchtest du nicht Weihnachtsbaum werden?“
Da rief Brommhardt strahlend: „Ich weiß jetzt, wer du bist! Du bist der Weihnachtsmann!“
Und Bollwin, der für solche Sätze empfänglich war, leuchtete wie eine frisch polierte Laterne.
„Dann bin ich wohl dein Bruder!“, jubelte Brommhardt – und die Elfen warfen sich im Chor
verzweifelt in den Schnee.
Doch plötzlich umarmten sich die Brüder, und ein kleines, seltenes Wunder breitete sich aus: Für
einen Augenblick wirkte Weihnachten sicher.
„Bruder“, murmelte Bollwin, „ich hatte eine Idee. Komm mit mir in den Stall. Ich will dir etwas
zeigen.“
Die Elfen schrien. Die Rentiere flohen. Der Wind flehte um Gnade.
Brommhardt folgte Bollwin, bis sie im Stall eine wackelige Konstruktion fanden, die aussah wie
ein halb zerlegtes Fahrrad, eine Bierkiste, zwei Eislöffel und ein nervös zuckendes Rentier.
Daneben stand, in krakeliger Schrift geschrieben:
Bollwins erste Erfindung
Fliegender Schneewal
Und Rudolph flüsterte, kaum hörbar: „Ich kündige.“
Weihnachten, drei Stimmen
Halima
Halima zählt Nächte
wie reißende Fäden.
Wind streicht über Lehm
und über ihre Hände:
beide Schalen
ohne Inhalt.
Ein Stern blüht kurz auf –
ein Brot aus Fernlicht,
zu hoch für jeden Hunger.
Dawud
Dawud im Treppenhaus
der verstummten Stadt.
Mauern: Brandnarben.
Ein Foto –
ein Fenster ohne Rückkehr.
Donner ohne Himmel.
Doch eine Kerze hebt sich,
ein Flackern gegen die Furcht.
Maja
Maja vor Glas:
Dinge ohne Not.
Neon dröhnt.
Überfluss zieht an ihren Armen.
Unter der Brücke
senkt sie sich in seinen Schatten,
legt Handschuhe in fremde Finger.
Das Neon hält den Atem an.
Eine Nacht,
ein Tuch.
Risse.
Funken.
Der tütelige Brommhardt – Teil IV
Der Morgen nach dem „Fliegenden Schneewal“ begann mit einer ungewöhnlichen Stille, die so
verdächtig war, dass selbst der Nordwind sich das Pfeifen verkniff. Elfen lugten vorsichtig hinter
Eiszapfen hervor. Rentiere hielten Gruppentherapiesitzungen ab. Und Bollwin … Bollwin hatte eine Pose
eingenommen, die er für überaus visionär hielt.
„Bruder“, verkündete er feierlich, obwohl Brommhardt gerade auf einer Schneekugel stand, weil er
dachte, es sei ein Hocker, „ich habe beschlossen, dass wir den gesamten Weihnachtsbetrieb
modernisieren müssen.“
Die Elfen erbleichten. Einer ließ vor Schreck eine Schale Spekulatius fallen.
Brommhardt strahlte: „Modernisieren! Ja! Ich wusste, ich hatte mal so ein Wort.“
Bollwin nickte ernst, griff in seine Tasche und zog ein zerknittertes Papier hervor, das verdächtig nach
Bieruntersetzer aussah. Darauf stand, in unförmigen Buchstaben:
Projekt Wunderwelle
– Weihnachten 2.0 –
Hiermit ersetze ich alles.
Bollwin, Visionär und Prophet
Die Elfen richteten ihre Rettungshelme. Doch es war zu spät.
„Der Nordpol brauche ein Maskottchen“, rief Bollwin. „Ein großes. Ein richtig großes. Ein Lebewesen,
das Inspiration, Festlichkeit und Fortschritt verkörpert.“
„Ein sprechender Schneeball?“, fragte Brommhardt hoffnungsvoll.
„Nein!“, rief Bollwin. „Etwas Größeres!“
Alle Elfen schluckten gleichzeitig.
„Ein Mammut!“, verkündete Bollwin triumphierend. „Ein Weihnachtsmammut.“
Stille.
Schock.
Zwei Elfen fielen um. Einer lachte hysterisch, bis er merkte, dass es kein Scherz war.
„Ich habe bereits mit den Bauarbeiten begonnen!“, fügte Bollwin hinzu und zeigte auf etwas hinter den
Elfen.
Sie drehten sich um – und erblickten ein Gebilde aus Holz, Schlittenkufen, drei Kisten Rumtopf und
mehreren Fellen, die sicher kein Rentier freiwillig abgegeben hatte. Das Ganze ragte auf erschütternd
wackeligen Stelzen in den Himmel.
Es bewegte sich.
Es schnaufte.
Es wankte.
Es schien – leider – funktionsfähig.
Und oben drauf stand Brommhardt, der verkündete:
„Ich reite in die Stadt und bringe Weihnachten! Und wer bist du gleich?“
Die Elfen schrien.
Rudolph betete.
Donner fiel in Ohnmacht.
Das Mammut nickte bedächtig, als hätte es Pläne.
Dann setzte sich die monströse Erfindung in Bewegung.
Stelzen knarrten. Funken stoben.
Ein Elf rief: „Es denkt! Bollwins Werk denkt!“
Ein anderer rief: „Es denkt nicht! Das ist viel schlimmer!“
Bollwin rannte hinterher. „Bruder! Wart auf mich! Das Mammut kann nicht bremsen!“
Doch das Mammut bremste – auf seine Weise. Es drehte sich zweimal im Kreis, schnupperte am
Nordwind und rannte schnurstracks in Richtung einer nahen Eishöhle.
Aus der Höhle drang ein Geräusch:
Ein sehr lautes.
Ein sehr tiefes.
Ein sehr wütendes.
Bollwin flüsterte ergriffen:
„Oh! Vielleicht ist das der Weihnachtsdrache.“
„Weihnachtsdrache?!“, kreischten die Elfen.
„Seit wann gibt es einen Weihnachtsdrachen?!“
„Seit jetzt“, sagte Bollwin feierlich.
Dann trat die Kreatur aus der Höhle.
Groß.
Eisig.
Majestätisch.
Ein Schneeriese, der sehr müde wirkte und offensichtlich geweckt worden war.
Er blinzelte.
Er sah das Mammut.
Er sah Bollwin.
Er sah Brommhardt.
Dann sagte er langsam:
„Kann bitte jemand dieses Jahr normales Weihnachten machen? Nur einmal?“
Bollwin winkte freundlich.
Brommhardt winkte begeistert zurück.
Der Schneeriese stöhnte und setzte sich resigniert auf einen Eisblock.
In diesem Moment erschienen die Elfen, voll bewaffnet mit Keksen, Glitzerstaub und dem Bollwin-
Protokoll, Kapitel 9: Übernatürliche Überraschungen.
Doch Brommhardt trat vor – mit einem Ausdruck erstaunlicher Klarheit.
„Es ist Weihnachten“, sagte er sanft. „Oder Dienstag. Aber auf jeden Fall… zusammen.“
Der Schneeriese sah ihn lange an.
Dann seufzte er:
„Na gut.“
Und so geschah am Nordpol ein seltenes, wundersames, völlig unvorhergesehenes Phänomen:
Die Katastrophe fiel aus.
Bollwin war enttäuscht.
Die Elfen waren erschöpft.
Das Mammut knarrte zufrieden.
Und der Schneeriese murmelte:
„Ich bleibe. Jemand muss hier ja aufpassen.“
Brommhardt strahlte.
„Willkommen in der Familie! Möchtest du einen Keks? Oder wer bist du gleich?“
Der Schneeriese nahm den Keks.
Und es wurde ein Weihnachten, an das man sich erinnern würde.
Vor allem, weil Bollwin im Hintergrund flüsterte:
„Ich hab schon eine neue Idee…“
Die Elfen hörten es.
Sie weinten leise.
Und Rudolph rannte vorsorglich bis in den März.
Heiligabend bei den Humpelmeiers
Am Tisch saßen sie alle, nicht verwandt durch Nähe, sondern durch das Missverständnis Familie.
Oma Erna hob ihr Glas Eierlikör mit einer Andacht, die keiner Erklärung bedurfte. „Nur wegen der
Verdauung“, sagte sie. Der Eierlikör gluckste zustimmend und legte sich schwer und vertraut in die
Falten ihres Gesichts. Er kannte diese Geografie. Er war hier zu Hause.
Neben ihr saß Tante Hermine, Großtante, seit Jahrzehnten offiziell „ein bisschen wunderlich“ und
inoffiziell außer Kontrolle. Sie trug Schwarz, obwohl niemand gestorben war, und ein Parfum, das nach
kaltem Weihrauch roch. Um den Hals trug sie ein altes Medaillon, dessen Inhalt niemand kannte und das
sie nie abnahm. Ihr Blick klebte an Onkel Albrecht, nicht lüstern, eher ergriffen, als sei er ein Relikt, das
man anfassen durfte, wenn man nur fest genug glaubte.
Onkel Albrecht, Pastor, hatte die Hände gefaltet, so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Er starrte in
seinen Kinderpunsch, als könne dort endlich eine Antwort auftauchen. Oder wenigstens ein Zeichen, dass
das alles noch Sinn hatte. Er hatte sich demonstrativ für das Alkoholfreie entschieden, wie für eine letzte
Bastion. Der Alkohol registrierte das. Der Grog wartete. Langmütig. Gottgleich.
„Du hast so priesterliche Hände“, flüsterte Tante Hermine, laut genug, dass niemand behaupten konnte,
es nicht gehört zu haben. „Die eignen sich nicht nur zum Segnen.“
Albrecht zog die Schultern hoch. Es half nicht.
Mutter Marianne lächelte süffisant. Ihr Lächeln entsprang nicht Wärme, sondern moralischer
Überlegenheit. Ihr Lächeln war makellos, ein sittlich versiegeltes Produkt, unter dem nichts mehr atmete.
Sie liebte alle, sagte sie. Und meinte damit, dass sie besser als alle anderen wusste, was gut für sie war.
Vater Rolf schwieg. Sein Blick ruhte auf dem Glühwein, der langsam eine Haut zog, als versuche er, sich
selbst zu konservieren. Glühwein wusste, dass Kapitulation Zeit brauchte.
Die Kinder Kevin und Chantal hatten sich beim Baum versammelt wie kleine Saboteure. Kevin prüfte mit
einem Löffel, wie viel Gewalt die Krippe aushielt. Chantal erklärte dem Hund Balthasar, er sei jetzt ein
Engel und müsse stillhalten. Balthasar hielt still. Er hatte gelernt, dass Anpassung hier überlebenswichtig
war.
In der Küche standen die Getränke dicht beieinander, Schulter an Schulter, wie ein Tribunal.
Der Glühwein räusperte sich. Er war warm, rot und historisch bewährt.
„Ich liefere Erinnerung“, sagte er. „Gefiltert. Gezuckert. Genehm.“
Der Eierlikör lächelte cremig.
„Ich bette die Zweifel so weich, dass sie ersticken.“
Der Grog knirschte.
„Ab vierzig Prozent kippt der Charakter.“
Der Kinderpunsch hüpfte.
„Ich sorge für Stimmung.“
Die Feuerzangenbowle zischte leise. Der Zuckerhut glänzte wie ein Opfer. Sie sagte nichts. Sie hatte
Geduld. Feuer hatte immer Geduld.
Oma Erna trank. „Früher“, sagte sie, „hat man Weihnachten noch ernst genommen. Da war man ehrlich
genug, sich zu betrinken und danach zu schweigen.“
Onkel Albrecht hob den Kopf. „Erna, bitte. Das ist ein heiliger Abend.“
„Heilig“, hauchte Tante Hermine. „Ja. Das spürt man.“ Sie beugte sich zu ihm, legte ihm die Hand auf
den Unterarm und ließ sie dort liegen. Zu lange. Das Medaillon rutschte dabei leicht aus ihrem Ausschnitt
und schlug gegen seinen Ärmel. „Pastoren sind einsam“, sagte sie.
Albrecht zuckte. Ein Riss ging durch etwas in ihm, das lange nur noch aus Gewohnheit bestanden hatte.
Mutter Marianne klatschte leise in die Hände. „Lasst uns dankbar sein“, sagte sie. Ihre Stimme war
warm, doch darunter lag Stahl. „Auch für unsere Prüfungen.“
Ihr Blick ruhte auf Kevin, der gerade versuchte, ein Christkind in die Steckdose zu stecken, und auf
Chantal, die nun behauptete, ein Rentier zu sein. Marianne nickte zufrieden. Prüfungen bestätigten ihren
Wert. Leid war nützlich.
Als die Feuerzangenbowle vorbereitet wurde, stand Tante Hermine auf. Niemand hatte bemerkt, dass sie
dazu fähig war.
„Feuer reinigt“, sagte sie feierlich. „Und Nähe auch.“
Der Eierlikör flüsterte aus dem Glas:
Jesus hat Wasser in Wein verwandelt. Nicht aus Spaß.
Sie stellte sich hinter Albrecht, legte beide Hände auf seine Schultern und beugte sich zu seinem Ohr.
„Wenn du fällst“, flüsterte sie, „halte ich dich. Ich habe Erfahrung mit Sünden.“
Vater Rolf trank seinen Glühwein in einem Zug. Der Glühwein seufzte: „Na endlich.“
„Ich wollte eigentlich Schriftsteller werden“, sagte Rolf.
Niemand reagierte.
Die Feuerzangenbowle wurde angezündet. Der Zucker brannte. Die Flamme war schön. Schönheit war
hier nie ein gutes Zeichen.
Albrecht griff zum Grog.
„Gott ist Liebe“, sagte er nach dem ersten Schluck. Dann, nach dem zweiten: „Aber ich spüre ihn nicht
mehr.“
Tante Hermine griff unwillkürlich nach ihrem Medaillon, hielt es fest, als müsse sie etwas bewahren, das
sonst verloren ginge. Dann klatschte sie einmal leise in die Hände. „Ach“, sagte sie zufrieden. „Dann bist
du endlich bei mir angekommen.“ Sie nahm sein Glas, trank einen Schluck und gab es ihm zurück.
„Geteiltes Leid“, sagte sie. „Und geteilte Flüssigkeit verbindet.“
Marianne begann zu weinen. Es war ein sauberes, kontrolliertes Weinen, das zeigte, wie tief sie fühlte
und wie wenig es änderte. Erna prostete. Kevin zündete eine Wunderkerze an. Chantal rief, sie müsse frei
sein. Balthasar bellte den Baum an, bis der Baum Nadeln verlor und kahl wurde.
Die Getränke lehnten sich entspannt zurück.
Unter dem Tisch lag Balthasar. Kein Engel mehr, kein Symbol. Nur ein Hund. Er hob kurz den Kopf, als
Tante Hermine Albrechts Knie berührte, und legte ihn dann wieder ab.
Er hoffte nicht mehr auf Weihnachten.
Er hoffte nur, dass es irgendwann still wurde.
Kurz nach drei bei den Humpelmeiers
Das Haus war noch wach, obwohl niemand mehr wach sein wollte. Die Stille hatte Risse bekommen und
ließ Stimmen durch.
Aus dem Wohnzimmer drang Gelächter. Gedämpft. Dann ein Auflachen, das zu spät kam, um noch
harmlos zu sein.
Albrecht richtete sich auf. Der Boden gab nach, nur ein wenig. Der Türrahmen hielt ihn. Sein Atem ging
flach. Etwas drängte von innen, beharrlich, ohne Namen. Nicht Schuld. Nicht Angst. Eher ein
Nachlassen.
Im Flur brannte noch eine Lampe. Halbherzig. Schatten verschoben sich, als hörten sie zu. Stimmen lagen
darin. Zu nah, um zufällig zu sein.
„Albrecht glaubt wirklich, wir merken das nicht“, sagte Hermine.
Ein Glas klirrte.
„Immer so sauber“, fuhr sie fort. „So vorsichtig. Als hätte er Angst, sich selbst zu berühren.“
Ein Schnauben.
„Und dann schaut er einen an, als müsste man ihm danken. Dafür, dass er nichts tut.“
Albrecht blieb stehen. Der Türrahmen lag kalt an seiner Schulter. Er hörte zu. Nicht freiwillig. Aber
vollständig.
„Weißt du, was das ist?“, sagte sie. „Feigheit. Fromm verpackt.“
Ein leises Lachen. Zu nah.
„Setz dich“, sagte eine andere Stimme.
Eine Hand an seinem Arm. Warm. Besitzergreifend.
Er wollte etwas sagen, etwas Richtiges, etwas, das standhielt. Stattdessen löste sich ein Laut. Feucht.
Unkontrolliert. Ein Gesicht verzog sich. Ein kurzes Auflachen, das sofort wieder verschwand.
„Du solltest liegen.“
Der Tonfall war ruhig. Zuständig. Endgültig.
Der Boden kam näher. Nicht abrupt. Eher entgegenkommend.
„Es reicht jetzt.“
Die Worte klangen erleichtert.
Später setzte das Schnarchen ein. Unregelmäßig. Noch einmal. Dann brach es ab.
Im Flur tickte die Uhr weiter.
Zu laut für ein Haus, das schlafen wollte.
˜ ˜ ˜
Am nächsten Morgen saß die Familie am Frühstückstisch. Onkel Albrecht fehlte noch.
Der große Wohn- und Essbereich roch noch nach Heiligabend: nach kaltem Alkohol, abgestandenem
Atem, etwas Süßlichem, das hier nichts zu suchen hatte.
Marianne stand am Herd. Dieselbe Bluse wie am Abend zuvor, nur glatter gezogen. Das Make-up saß zu
ordentlich für diese Stunde, nicht verschmiert, nicht müde, wie eine Schicht, die hielt.
Rolf saß bereits. Sein Gesicht gehörte zu einem Mann, der nicht geschlafen, sondern gezählt hatte.
Stunden. Geräusche. Möglichkeiten. Das Hemd zerknittert, die Haare eigensinnig abstehend: Spuren einer
Nacht ohne Ergebnis. Der Kaffee vor ihm war schwarz und unangetastet.
Oma Erna kam langsam herein, den Rücken steif, das Gesicht aufgedunsen vom Abend. Sie setzte sich,
zog die Cognacflasche aus der Schrankbar und schenkte sich ein Glas ein, ohne hinzusehen. Nach kurzem
Zögern goss sie einen guten Schluck in den heißen Kaffee, der bereits vor ihr stand. Die Oberfläche zog
feine, hastige Wellen und beruhigte sich nicht.
„Der wärmt jetzt besser“, sagte sie und blinzelte. Die Augen glasig, aber wach. Wach genug.
Der Cognac tat, was er immer tat. Er legte sich darunter. Still. Verlässlich. Als hätte er Zeit.
Tante Hermine saß bereits am Tisch. Schwarz gekleidet wie immer, doch die Bluse ließ heute mehr frei.
Das Medaillon lag schwer auf dem Stoff, der ihre Brust zusammenhielt, als müsse er etwas in Form
zwingen.
„Albrecht schläft wohl noch“, sagte Marianne.
Der Satz kam schnell. Zu schnell.
Rolf reagierte nicht.
„Der schläft sonst nie lange“, sagte Erna und gab noch einen Schuss Cognac in die Tasse.
Unter dem Tisch lag Balthasar. Er hob kurz den Kopf, sah sich um und legte ihn wieder ab. Der Schwanz
klopfte einmal gegen Hermines Stuhl, dann blieb er ruhig. Er kannte die Regeln.
Kevin lehnte im Türrahmen, das Handy locker in der Hand. Die Nacht hatte rote Ränder unter seine
Augen gelegt, die Haut wirkte fahl.
Chantal saß barfuß auf dem Stuhl, die Knie angezogen, das Haar wirr. Sie pulte am Marmeladenglas,
Streifen um Streifen, als ließe sich etwas freilegen.
„Ich wecke ihn“, sagte Marianne.
Diesmal war es keine Einladung.
Der Flur nahm sie auf. Schritte. Eine Tür.
Dann ein Laut, der sich weigerte, einer zu sein. Etwas zwischen Einatmen und Aufgeben.
Als sie zurückkam, war ihr Gesicht neu sortiert. Nicht erschüttert. Nur ausgedünnt.
„Er ist tot“, sagte sie und setzte sich.
Der Satz stand im Raum wie ein Möbelstück, das nie bestellt worden war.
Rolf fuhr sich über das Gesicht. „Tot“, wiederholte er leise, als prüfe er, ob das Wort trug.
Erna nahm einen Schluck. „Auf dein Wohl, Albrecht.“
Hermine erhob sich. Der Stuhl schrammte hart über den Boden. Sie blieb stehen, beide Hände auf der
Tischplatte, als müsse sie sich festhalten.
„Er war müde“, sagte sie. „Sehr müde.“
„Er war betrunken“, sagte Erna.
Kevin schaltete das Handy ein und legte es zwischen Butter und Brot.
Chantal sah kurz hin, dann auf ihre Hände
.
„Er hat geschnarcht“, sagte sie. „Und dann war es weg.“
Balthasar hob den Kopf. Ein leises Winseln, zögerlich. Dann kroch er näher an Rolfs Bein.
Marianne begann aufzuräumen. Teller, Besteck, das Rührei, zu lange gerührt. Es sah aus wie etwas, das
man besser verschwinden ließ.
˜ ˜ ˜
Zwei Polizisten traten ein. Einer mit einem Blick, der noch hängen blieb, der andere mit einem, der längst
weiterging.
„Wo liegt er?“
„Im Gästezimmer“, sagte Marianne. „Er war erschöpft.“
Im Flur öffnete sich eine Tür. Funk. Ein knappes Nicken.
Als die Trage vorbeigeschoben wurde, folgte ihr Hermines Blick. Das Laken war weiß. Zu weiß. Ihre
Finger schlossen sich um das Medaillon. Der Hund zog den Kopf ein.
„Gott prüft uns“, murmelte sie.
Erna lachte trocken. „Der prüft schon lange nicht mehr.“
Die Fragen kamen ruhig, sachlich. Die Antworten glitten darüber hinweg, glatt genug, um nichts
festzuhalten.
Als draußen der Wagen startete, setzte sich Rolf wieder. Seine Stimme war rau.
„Ich wollte Schriftsteller werden“, sagte er.
Marianne betrachtete den Tisch: Krümel, Kaffeeränder, den dünnen Cognacfilm in Ernas Tasse.
„Heute Abend essen wir Reste“, sagte sie. „Es wäre schade drum.“
Balthasar seufzte und legte den Kopf auf die Pfoten.
Der Morgen ging weiter.
˜ ˜ ˜
Am Nachmittag war der Tisch abgeräumt. Krümel entfernt, Tassen gespült. Der Cognac stand wieder im
Schrank.
Marianne faltete Servietten. Sorgfältig. Kante auf Kante.
Rolf saß am Fenster und sah auf die Straße. Er sagte nichts. Er formulierte im Stillen.
Erna schlief im Sessel. Der Mund offen, die Hände auf dem Bauch.
Hermine stand im Gästezimmer. Das Bett war frisch bezogen.
Das Medaillon lag noch immer zwischen ihren Brüsten eingeklemmt. Sie strich das Laken glatt, einmal,
zweimal, als ließe sich etwas einebnen.
Dann blieb ihre Hand liegen.
Langsam griff sie darunter, zwischen Matratze und Lattenrost, als wüsste sie genau, wo.
Ihre Finger zogen etwas hervor. Klein. Unspektakulär.
Ein Glas.
Das Glas vom Vorabend.
Noch mit einem Fingerabdruck am Rand.
Hermine betrachtete es einen Moment, drehte es leicht, bis das Licht darinstand.
Dann stellte sie es zurück auf den Nachttisch. Genau dorthin, wo es hingehörte.
Im Flur saß Kevin auf der Treppe und sah sich ein Video an. Ohne Ton.
Chantal lag neben dem Hund auf dem Teppich. Balthasar atmete ruhig.
„Was machen wir mit seinen Sachen?“, fragte Rolf schließlich.
Marianne überlegte kurz.
„Wir lassen sie erst mal“, sagte sie. „Man soll nichts überstürzen.“
Draußen ging jemand vorbei. Ein gewöhnliches Geräusch. Ein gewöhnlicher Tag.
„Nächstes Jahr“, sagte Marianne, mehr zu sich selbst als zu den anderen, „machen wir es ruhiger.“
Hermine schloss leise die Tür zum Gästezimmer.
Der Satz blieb stehen.
Er passte sich an.
Im Flur tickte die Uhr.
Ganz normal.
Der goldene Kopf - Weihnachten im Weißen Haus
Der Weihnachtsbaum stand im East Room wie ein überladener Altar. Spiegel und
Präsidentengesichter vervielfältigten sich in Kugeln, die einander betrachteten. An
der Spitze: ein vergoldeter Trump-Kopf. Zu groß. Zu schwer.
Donald Trump stand davor, die Hände gefaltet.
„So sieht Erfolg aus.“
Melania stand neben ihm, reglos, kühl, perfekt positioniert.
„It is … loud“, sagte sie.
„Laut ist Führung“, erwiderte Trump. „Leise ist Schwäche.“
Die Söhne warteten wie ein Echo auf ihren Einsatz.
„Niemand feiert besser“, sagte Don Jr.
Eric nickte. „Es fühlt sich … dominant an.“
Ivanka nahm es zur Kenntnis.
Die Gäste kamen lautlos. Männer mit Titeln, mit Flaggen im Herzen und Abnutzung
im Körper. Präsidenten, Autokraten, Diktatoren, mit Gesichtern, die Zustimmung
darstellen konnten, ohne sie zu empfinden.
Wladimir Putin bewegte sich kaum. Klein, kompakt, das Lächeln schmal wie eine
alte Narbe. Seine Augen ruhten auf dem Raum, als gehöre er ihm bereits, nur
zeitlich versetzt. Er sagte nichts. Er wartete. Warten war Macht.
Neben ihm saß Erdoğan, schwerer Körper, schwere Stimme. Die Stirn glänzte wie
poliert. Er sprach von Tradition, von Ordnung, von Größe.
Xi Jinping saß etwas abseits. Still. Gerade. Seine Mimik zeigte nichts, was nicht
kontrolliert war.
Putin lächelte dünn.
Erdoğan nickte oft.
Xi Jinping blieb unbeweglich.
„Großer Führer“, sagte einer.
„Architekt der Zukunft“, sagte ein anderer.
Ein dritter lachte vorsorglich.
Trump hob die Hand. „Setzt euch. Esst.“
Das Essen kam wie eine Vorführung. Ganze Tiere, tranchiert und erkennbar.
Goldene Soßen, schwere Teller, Fleisch, das nicht verloren hatte, sondern
aufgegeben.
„Amerikanisch“, sagte Trump. „Groß. Viel. Meinungsstark.“
Die Gäste aßen. Zu schnell, zu angepasst. Einer verschluckte sich, nickte
entschuldigend, lächelte – blau angelaufen – weiter und kippte vom Stuhl. Besteck
klirrte kurz. Dann wurde weitergegessen.
Putin aß langsam, exakt, als arbeite er eine Liste ab.
Erdoğan aß laut, reichlich, zufrieden.
Xi Jinping aß wenig. Er beobachtete.
Keiner sah das Fleisch an. Sie kannten den Vorgang.
„Wir sprechen beim Essen über Zukunft“, sagte Trump. „Über Ordnung. Über
Weltherrschaft.“
Ivanka tupfte sich den Mund. „Grönland ist logisch. Kalt konserviert. Reich an allem,
was knapp wird.“
„Unter dem Eis“, sagte Don Jr., „liegt Reichtum.“
„Und wenig Reibung“, ergänzte Eric.
Trump schnitt sein Fleisch. Das Messer gab leise nach.
„Ich mag Länder“, sagte er, „die sich nicht entscheiden.“
Da veränderte sich etwas.
Nicht sichtbar.
Nicht hörbar.
Der Raum wurde älter.
Die Tür öffnete sich nicht. Sie gab nach.
Der Weihnachtsmann trat ein.
Er war nicht groß … er war maßlos. Sein Mantel trug viele Winter, seine Stiefel
Schnee aus Gegenden ohne Namen. Seine Augen kannten Hoffnung nur noch als
Erinnerung.
„Ho“, sagte er.
Niemand antwortete. Niemand kaute.
„Wer sind Sie?“, fragte Trump. Seine Stimme hatte Volumen verloren.
„Ich bin das Ende deiner Bilder“, sagte der Weihnachtsmann.
Trump lachte automatisch. „Ich mache Deals.“
„Nein“, sagte der Weihnachtsmann. „Du machst Geräusch.“
Er ging durch den Raum. Blicke senkten sich. Ein Diktator wollte aufstehen und
blieb sitzen. Der Körper verstand schneller.
Putin hob den Blick. Kalkulierte. Verwarf.
Erdoğan lachte zu lang, dann gar nicht mehr.
Xi Jinping senkte den Blick nicht. Er notierte innerlich.
„Du willst Weltherrschaft.“
„Ich will Stabilität.“
„Du willst Besitz.“
„Ich will Sicherheit.“
„Du willst Grönland.“
„Ich will, was darunter liegt.“
Der Weihnachtsmann blieb stehen.
„Dann bekommst du, was darüber ist.“
Er öffnete den Sack.
Nichts.
Nur ausbleibende Zustimmung.
Niemand klatschte.
Der goldene Kopf löste sich vom Baum und fiel. Kein Geräusch, das zählte.
Der Weihnachtsmann ging.
Die Tür blieb offen.
Die Stille übernahm.
Trump saß noch am Tisch, die Hände um das Besteck gelegt, als sei es der letzte
Halt. Vor ihm lag das Fleisch, kalt, farblos, erledigt.
Die Gäste rückten ihre Stühle zurück. Einer nach dem anderen. Leise. Geschäftlich.
Putin ging zuerst.
Xi Jinping folgte ohne Eile.
Erdoğan stand zuletzt auf. Schwerer. Langsamer. Niemand wartete.
„Ich hatte eine Vision“, sagte Trump.
Der Satz fand keinen Adressaten.
Melania stand auf.
„Merry Christmas“, sagte sie.
Sie ging.
Die Kinder blieben einen Moment-
Ivanka entschied.
Sie gingen.
Draußen fiel Schnee.
Grönland blieb unberührt.
Die Welt blieb unbeeindruckt.
Und im Weißen Haus saß ein Mann an einem Tisch voller Besitz und stellte fest,
dass niemand mehr Bedarf an ihm hatte.
Leise Räume
Die Nacht liegt da wie ein verschlossener Brief,
der Antwort kennt, doch keinen Laut gewinnt.
Ein Stern steht tief, ein wenig schräg und schief,
als prüfe er, wer hofft und wer noch sinnt.
Die Straßen tragen Lichter wie Verbände,
nicht um zu heilen, nur um zu verdecken.
Darunter pocht das Alte bis ans Ende,
doch lernt es kurz, den Schmerz zu überdecken.
In Küchen zählt die Uhr mit kaltem Klang,
sie misst, was fehlt, seit etwas von uns ging.
Ein leerer Stuhl verharrt dort stundenlang,
als wöge Schweigen mehr als jedes Ding.
Wer nichts erwartet, hört das leise Gehen
von Schritten, die man warm im Dunkel hält.
Kein Engel kommt, nur stilles Weiterstehen
im Jetzt, in das kein großes Wort mehr fällt.
Vielleicht ist das genug in diesen Tagen:
Dass jemand fällt und dennoch nicht zerbricht.
Dass selbst im Dunkel leise Räume sagen:
Auch Nacht, sie trägt ihr eignes sanftes Licht.
Als Engel das Maß vergaßen
Als Glockenschlag die Zwölf erklang,
lag Frost auf Stein und Fensterrand.
Die Nacht war still und tief und lang,
als ob sie Maß und Ordnung fand.
Doch fern von Licht und frommer Pflicht
hielt keine Regel länger dicht.
Da saßen Männer rot und schwer,
der Mantel offen, scharf der Wind.
Der Bart voll Reif, der Becher leer,
weil auch die Heil’gen sterblich sind.
Sie tranken auf verlorne Zeit
und auf der Wünsche Bitterkeit.
„Ich trug die Wünsche Jahr um Jahr“,
sprach einer leis mit müdem Sinn,
„doch mancher Wunsch war nimmer wahr,
er fraß sich mir ins Herze hin.“
Ein andrer lachte kurz und rau,
als wüsst er selbst nicht mehr genau.
Sie sangen roh von Schuld bei Nacht,
von Maß und Gabe, schwer und schlicht.
Kein Ton war glatt, doch gab er acht,
auf das, was aus dem Innern spricht.
Der Mond stand still im Wolkenkreis
und hörte zu, geduldig leis.
Da tat der Himmel leis sich auf,
kein Donner schlug, kein Feuer fiel.
Nur Flügel nahmen ihren Lauf
und brachten Tanz und wildes Spiel.
Die Engel bar im Sternenschein
vergaßen Maß und Zucht und Pein.
Sie warfen Schuh und Kranz ins Feld,
kein Schritt hielt Takt, kein Schritt hielt Stand.
Die Freude herrschte über Welt,
als wär sie lang schon fortgebannt.
Die Sterne klirrten hart und klar,
weil Lust nicht still noch frömmlich war.
Da polternd aus der Erde Grund,
wo Erz und alte Märchen ruhn,
kam Zwergenvolk mit Spott im Mund
und Glöcklein an den krummen Schuhn.
Sie trugen Schnaps und scharfes Wort
und trieben Maß und Zeit hinfort.
„Was feiert ihr?“, rief einer keck,
„die Regel oder euer Herz?“
Er riss den Stern vom Tannenheck
und warf ihn hoch mit wildem Scherz.
Die Engel jauchzten ohne Scheu,
die Männer füllten Becher neu.
Da tanzte Bart an Flügel dicht,
der Schnee begann sich selbst zu drehn.
Die Nacht vergaß ihr Maß und Licht,
die Welt verlernte still zu stehn.
Und heimlich ging im wilden Lauf
die Hoffnung neu im Dunkel auf.
Als Morgen grau den Zauber brach
und Hahnenruf die Stille schnitt,
lag alles still wie jeden Tag,
als ob nichts Sonderbares litt.
Doch wer den Schnee genau besah,
der sah, was nie verloren war.
Unser Lärm
Die Stadt hält kurz den Atem an,
dann reißt der Himmel auf.
Ein Knall zerbricht die Dunkelheit,
als wär sie schlicht aus Glas.
Funken fallen grell und hart,
sie zischen durch die Zeit.
Die Freude schreit, der Lärm wird Licht,
das keiner leise meint.
Im Hof duckt sich der alte Hund,
die Pfoten eng am Bauch.
Er kennt kein Jahr, kein Morgen mehr,
nur dieses Krachen noch.
Im Wald springt panisch Reh an Reh,
kein Weg führt aus dem Schreck.
Die Nacht steht plötzlich ganz in Brand,
kein Ort hält sie noch fern.
Ein Vogel fährt aus seinem Schlaf,
stößt blind an Draht und Wand.
Ein Flügel bleibt im Zaun zurück,
der Himmel ohne Rand.
Am Straßenrand liegt später still,
was eben noch gerannt.
Ein dunkler Fleck im Neujahrsschnee,
von niemandem genannt.
Die Menschen zählen laut herab,
umarmen sich im Licht.
Sie stoßen an auf neues Glück
und sehen all das nicht.
Kein Feuerwerk fragt, wer es hört,
kein Knall kennt ein Erbarmen.
Die Angst trägt heute viele Namen
und lässt sie ohne Halt zurück.
Wenn morgens dann die Straßen ruhn
und Rauch sich niedersenkt,
bleibt eine Nacht, die Leben nahm,
weil niemand daran denkt.
Und irgendwo, ganz ohne Wort,
bleibt Angst in stillen Gliedern,
bei denen, die sich nicht entziehen konnten
durch uns und unser Lärmen.
Das Bürgergespräch
Der Zettel hing seit drei Tagen am schwarzen Brett. Zwischen Sperrmülltermin und Chorprobe.
„Bürgergespräch. Teilnahme freiwillig.“ Darunter in kleiner Schrift: „Begrenzte Plätze.“
Oma Trientje Janssen blieb stehen. Las langsam. Nicht alles. Nur die Uhrzeit. Dienstag passte. Dienstag
war nichts. Vielleicht gab es Kaffee und Kuchen.
˜ ˜ ˜
Am Dienstag kam außer Oma Trientje niemand. Die einen arbeiteten. Die anderen hatten Arzt. Ein paar
blieben weg, weil sie nichts Falsches sagen wollten. Andere, weil sie nicht ganz sauber waren. Wegen der
falsch angegebenen Stunden. Wegen der Freundin, die noch mitwohnte. Wegen des Einkaufs letzte
Woche, der ohne Piepen durchging. Man weiß ja nie, wer zuhört. Und was plötzlich relevant wird.
So war Oma Trientje Janssen die Einzige. Im Büro der zuständigen Stelle roch es nach Kaffee und
Drucker. Eine junge Frau mit Ordner fragte nicht viel.
„Sie wohnen schon lange hier?“
– „Jo.“
„Sie können ruhig erzählen, wie es Ihnen geht.“
– „Dat kann ik.“
„Es geht nicht um Forderungen.“
– „Gut.“
Das klang machbar. Man gab ihr einen Stuhl. Nicht den guten. Den mit dem wackelnden Bein. Oma
Trientje sah ärmlich aus. Der Mantel alt. Zu dünn. Die Nylonstrumpfhose hatte ein Loch am Knie. Sie
zog den Rock ein Stück nach unten.
Ein Mann mit Headset kam kurz rein. Schaute auf seine Liste. Sah den leeren Raum. Nickte trotzdem. Im
Flur wurden Kabel ausgerollt. Leise. Routiniert.Zwei Kameras wurden aufgebaut. Eine von vorn. Eine
schräg von der Seite. Für Nähe.
Ein Licht ging an. Nicht grell. Beruhigend.
Oma Trientje zog die Jacke aus. Zog sie wieder an. Ihr war kalt. Und ein bisschen leer im Bauch. Sie
hatte nicht gefrühstückt. In der Hoffnung, dass es Kaffee gäbe. Und vielleicht ein Stück
Kuchen. Irgendwas mit Streuseln.
„Sie müssen nichts vorbereiten“, sagte jemand. „Einfach erzählen.“
Sie dachte an Ostfriesland.
An den Wind am Haus.
An den Mann, der die Fenster selbst eingesetzt hatte.
An den Brief mit der Steuer.
An den nächsten Brief.
Und den nächsten.
Sie dachte nicht an Politik.
„Wir holen Sie gleich“, sagte die junge Frau. Lächelte. Viel zu breit.
Oma Trientje nickte.
Im Flur hörte man Schritte. Mehrere. Gedämpft. Dann Stimmen. Ruhig. Geübt. Eine Tür weiter öffnete
sich.
Jemand lachte kurz. Ein anderer sagte: „Noch zwei Minuten.“ Die Kameras liefen schon. Dann ging die
Tür auf.
Bundeskanzler Merz kam herein. Nicht hastig. Nicht langsam. Begleitet von zwei Leuten, die stehen
blieben.
Er lächelte und bedachte Oma Trientje mit einem Dackelblick. Er reichte ihr die Hand.
„Guten Tag, Frau Janssen. Schön, dass Sie da sind.“
Sie blieb sitzen. Nahm die Hand. Drückte vorsichtig.
„Jo“, sagte sie.
Der Bundeskanzler setzte sich. Ordnete seine Unterlagen. Sah kurz in die Runde. Sah, dass niemand sonst
da war. Sagte nichts.
Journalist:
Herr Bundeskanzler, Frau Janssen, danke, dass Sie sich Zeit nehmen. Herr Merz, was geben Sie den
Menschen mit ins neue Jahr?
Merz:
Stabilität, Zuversicht und Vertrauen. Gerade jetzt ist es wichtig, Ruhe zu bewahren und den
gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht zu gefährden.
Oma Trientje:
Ruh heff ik.
Ik kann ruhig.
Dat heff ik lehrt.
Journalist:
Herr Merz, viele Menschen sorgen sich um ihre finanzielle Lage.
Merz:
Wir haben gezielt entlastet und unterstützen Menschen mit kleinen Einkommen.
Oma Trientje:
Ik krieg 947 Euro.
Miet: 623.
Stroom: kummt, geiht.
Eten: wat dor is.
Den Rest hol ik mi ut de Busken
un ut de Mülltünnen.
Der Bundeskanzler ignoriert den Vorwurf.
Merz:
Gerade ältere Menschen sollen würdevoll leben können.
Oma Trientje:
Wüürdig?
Man leevt.
Dat mutt langen.
Ik sammel Buddels.
Frööh.
Wenn dat noch still is un keen tokiekt.
Journalist:
Frau Trientje, Sie kommen aus Ostfriesland. Warum leben Sie heute hier im sozialen Brennpunkt
Mümmelmannsberg?
Oma Trientje:
Ik bün van Ostfreesland.
Dörp achter Leer.
Huus dicht bi d’See.
Wind üm’t Huus.
Solt in de Luft.
Dat Huus hett mien Keerl Fiete baut.
Mit Hannen.
Na Fieravend.
Johr för Johr.
Denn is he doodgahn.
Un denn keem de Briefe.
Grundsteuer.
Heizung.
Reparaturen.
All seggt:
„Dat schaffst du nich mehr.“
Dat Meer blifft.
Ik mutt weg.
Journalist:
Warum Hamburg?
Oma Trientje:
Se seggt:
Hier is dat billiger.
Hier gifft dat Hülp.
Ik heff nix mehr hört.
Bloots Autos.
Un de Bahn.
Dat Meer hör ik nich mehr.
Dat fehlt.
Merz:
Wir setzen auf soziale Teilhabe und gezielte Hilfen.
Oma Trientje:
Ik krieg Post.
Stapels.
All seggt:
„Keen Anspruch.“
„Nich zuständig.“
Dat heet denn mitmaken.
Bloots ahn Geld.
Un ahn een,
de mi tohöört.
Merz blickt gelangweilt in die Luft
Journalist:
Herr Merz, viele Menschen frieren im Winter.
Merz:
Wir haben umfangreiche Energiehilfen beschlossen.
Oma Trientje:
Ik heff de Heizung ut.
Pullover an.
Noch een.
Un noch een.
Wenn dat nich langt,
kook ik Tee
un holl de Beeker fast.
Dat maakt warm.
Kort.
Merz:
Energieeinsparung ist auch ein Beitrag zum Klimaschutz.
Oma Trientje:
Ik bün keen Klima.
Ik bün een Oolt.
Un ik bün kalt.
Journalist:
Fühlen Sie sich von der Politik gesehen?
Oma Trientje:
Wenn ik stöör, ja.
Wenn ik leev, nich.
Merz:
Niemand wird in diesem Land zurückgelassen.
Oma Trientje:
Doch.
Bloots still.
Journalist:
Herr Merz, Sie sprechen oft von Leistung.
Merz:
Leistung ist das Fundament unseres Wohlstands.
Oma Trientje:
Ik heff 46 Johr putzt.
Scholen.
Trappen.
Büros.
Nu kriech ik in Parks rüm.
Na Buddels.
Wohlstand seh ik nich.
Bloots dat, wat över is.
Merz:
Es ist wichtig, dass Unterstützung verantwortungsvoll eingesetzt wird.
Oma Trientje:
Verantwortungsvoll?
Nich bi mi.
Journalist:
Viele Menschen empfinden Entscheidungen als alternativlos.
Merz:
Alternativlos ist manchmal Ausdruck von Verantwortung.
Oma Trientje:
Alternativlos is:
Eten
oder Medizin.
För beides reicht dat nich.
So süt dat ut.
Merz:
Wir wollen soziale Sicherheit stärken.
Oma Trientje:
Ik heff Angst.
Dat is seker.
Journalist:
Wovor haben Sie Angst?
Oma Trientje:
Vör de AfD.
Dat segg ik klor.
Dat is Faschismus 2.0.
Nich mit Stiefel.
Mit Jacket.
Se snackt fein.
Se seggt Ordnung.
Un meint:
Minsken sorteren na Nationalität.
De niee Genozid.
Merz:
Populismus lebt von Verunsicherung und einfachen Antworten.
Oma Trientje:
Nee.
De leevt vun Hunger.
Un vun Kälte.
Un vun Minsken,
de nix mehr to verlieren hebbt.
Journalist:
Was macht Ihnen konkret Angst?
Oma Trientje:
Mien Grootkinner.
De sünd nich blond.
De sünd nich still.
Ik heff Angst,
dat se seggt kriegt,
dat se nich passt.
Oder to veel sünd.
Merz:
Unsere Demokratie ist stark und wehrhaft.
Oma Trientje:
Se snackt bloots.
Se doot nix Goots.
Dat is allens bloots Snack.
Journalist:
Herr Merz, ist die Demokratie in Gefahr?
Merz:
Sie steht unter Druck, aber wir werden sie schützen.
Oma Trientje:
Dat seggt ji johrlang.
Un ji maakt nix.
Journalist:
Ein letztes Wort zum neuen Jahr?
Merz:
Ich bin zuversichtlich, dass wir gemeinsam die Herausforderungen meistern.
Oma Trientje:
Ik bün nich toversichtlich.
Ik bün vörsichtig.
Un müüd.
Un ik pass op
op de Kinner.
Journalist:
Vielen Dank für das Gespräch.
Merz:
Vielen Dank.
Oma Trientje:
Jo.
Ik mutt nu los.
Pfand sammelt sik nich
vun sülvst weg.
Der Vorsatz vor dem Vorsatz
Ich wollte früh anfangen.
Noch vor dem Jahr.
Um ihm voraus zu sein.
Moralisch.
Der Silvestermorgen
lag da wie ein Versprechen,
das sich selbst
nicht ganz glaubte.
Der Wecker klingelte
mit der Überzeugung
eines Neuanfangs,
der zu früh dran ist.
Ich dachte an Listen.
An Ordnung.
An dieses bessere Ich,
das schon geschniegelt
in der Ecke stand
und wartete.
Die Sportsachen lagen bereit.
Unschuldig.
Als hätten sie nichts
damit zu tun.
Ich trank Kaffee.
Aus Prinzip.
Dann noch einen,
weil Vorhaben
ohne Koffein
unverantwortlich sind.
Gegen halb neun
war ich müde
vom Vorausdenken.
Und das Jahr
noch gar nicht da.
Ich beschloss,
die Sache ruhiger anzugehen.
Man muss das Scheitern
nicht vorziehen.
Das neue Jahr
kommt früh genug.
Neujahr, früh
Der Tisch ist derselbe
seit fünfunddreißig Jahren,
nur die Kratzer
sind tiefer geworden.
Manche davon
kennen ihre Gründe.
Hinnerk sitzt schon da,
die Zeitung ungeöffnet.
Neuigkeiten
brauchen bei ihm
Geduld.
Tjardine rührt den Kaffee.
Der Löffel berührt den Rand
genau dreimal.
Nicht weniger.
Nicht mehr.
Gewohnheiten
brauchen klare Grenzen.
„Die Jungen“, sagt Tjardine,
„hatten Kugelbomben.“
Sie spricht das Wort
langsam.
„Verboten“, sagt Hinnerk.
Nicht empört.
Erinnernd.
Das Martinshorn,
sagt Hinnerk,
sei lange geblieben.
„Zu lange“,
sagt Tjardine.
Der Sanitäter habe gesucht.
„Im Schnee“,
sagt sie.
„Nach dem,
was übrig war“,
sagt er.
Man hörte Rufe.
Und den einen Jungen,
der schrie,
als ließe sich Verlust
übertönen.
Sie essen.
Langsam.
Mit Pausen,
in denen nichts fehlt
und nichts gesagt werden muss.
Das Kauen hat Vorrang.
Hinnerk zählt leise auf,
was sie alles überstanden haben:
zwei Umzüge
(unnötig),
drei Fernseher
(mangelhafte Qualität),
vier Regierungen
(alle gleich laut)
und eine Katze
mit schlechtem Charakter.
Tjardine korrigiert ihn nicht,
obwohl es fünf Fernseher waren
und die Katze recht hatte.
Man muss nicht alles richtigstellen.
Manches wirkt länger,
wenn es falsch bleibt.
Tjardine hebt die Tasse,
prüft den Rand,
setzt sie wieder ab.
Ein kleiner Makel.
„Noch ein Jahr“, sagt sie.
Nicht fragend.
Nicht hoffend.
Hinnerk nickt.
Ein Nicken,
das nichts verspricht
und alles festhält.
Als sei das kein Anfang,
sondern eine
abgemachte Sache.
Neon unter Stiefeln
Parolen kriechen aus den Kehlen,
bitter brennt der Zorn im Mund.
Stiefel schlagen auf die Straßen,
jeder Schritt wird Urteil kund.
Fackeln schreiben fremde Namen
in den Rauch der schwarzen Nacht.
Stöcke ziehn die engen Kreise,
Knochen geben Antwort sacht.
Hass trägt heute feinen Anzug,
ordnet sich im Gleichschritt ein,
klatscht mit Eisen in die Hände,
wenn ein Körper stirbt allein.
Sirenen falten dunkle Stunden
wie ein Blatt voll falschem Klang.
Ein Schrei hängt fest im grauen Pflaster,
hält die Nacht noch endlos lang.
Morgentau liegt auf den Gräsern,
grau zertreten, kalt und schwer.
Kälte sammelt ihre Spuren,
schleppt sie stumm von hier nach her.
Ein Name steht am Rand der Stille,
kaum berührt vom ersten Licht.
Angst setzt sich ihm still zur Seite,
übt seit Langem Schweigepflicht.
Lieder ändern nur die Zeichen,
doch ihr Sinn bleibt altbekannt:
Heute Fahnen, morgen Zahlen,
übermorgen Amt erlangt.
An den Wänden klebt Geschichte,
Spucke, Zeichen, hart gebrannt.
Parolen werden zweite Haut
für Gesichter ohne Stand.
In der Gosse lagert alles,
was kein Mensch als Erbe will:
Spuren, Rausch und falsche Stärke,
Weltbild laut und Denken still.
Adern treiben ihre Märsche,
Mut aus dünnem, falschem Stoff.
Rufe wiegen Zweifel nieder,
nennen Trugschluss großen Zoff.
Überall wird Grenzgebiet,
überall ist Feindesland.
Augen meiden fremde Straßen,
Haut wird plötzlich zum Bestand.
Mitten unter fremden Blicken
gehen sie geduckt und leis,
ihre Schritte meiden Straßen,
Atem steht im kalten Schweiß.
Im Schweben
Ich lasse mich von Wolken tragen,
als wär mir jemand still so nah,
kein Wort will ich dem Wind noch sagen,
nur fühlen, was ich niemals sah.
Ich taste Horizonte leise,
leg mich vertrauend in den Raum,
als führ mich eine fremde Weise
durch diesen sanften Himmelstraum.
Ich gleite auf den Atemweiten,
wo Wind kein Ziel und Richtung kennt,
vergesse Zeit und alle Seiten,
die Welt, die mich noch Erdling nennt.
Doch sinkt mein Denken erdenschwer,
dann dunkelt sich der Himmelsgrund,
und unten gähnt die Tiefe leer,
ich trinke Nacht aus fremdem Mund.
Dann hebt mich lautlos neues Schweben,
mein Herz wagt kühn, sich loszusagen,
ich lerne neu, im Licht zu leben,
und Hoffnung heimwärts hinzutragen.
Im Atem meines Kindes
Ich seh mein Kind in Stille liegen,
ihn Schlaf so leise, sanft umwiegen.
Die Lider schwer, der Atem sacht,
ein Kind, zur tiefen Ruh gebracht.
Der Mund noch weich vom Tageslachen,
die Stirn voll ungelebter Sachen,
die Wangen rund, vom Traum bewacht,
so schlief er leicht in dunkler Nacht.
Die kleinen Hände, zart und schmal,
noch ungeübt in Last und Zahl.
Auf seinem Bauch so still sie ruhn,
als würd die Zeit dort Pause tun.
Die Finger fein wie Morgenschein,
noch ohne Last und ohne Pein.
Sie halten nichts als Schlaf und Traum,
noch keinen Schwur, noch keinen Raum.
Und seine Füße, klein und warm,
noch fern von Weg und Lebensarm,
sie ruhen, als sei Gehen fern,
als gäb es noch nicht Ziel noch Stern.
Seine Haut, so hell im Dämmerlicht,
erzählt von einem jungen Ich,
von Spuren, die noch werden sollten,
von Jahren, die sich erst noch rollten.
Und während er so ruhig hier liegt,
seh ich, wie seine Zukunft fliegt:
den Mann, der nun im Leben steht
und selbst schon kleine Träume sät.
Und ich, ich steh am Bettrand hier
und schau durch ihn hindurch zu dir –
zu dem, der du nun draußen bist,
der längst schon selbst ein Papa ist.
Du bist nun Vater, stark und weit,
gehst mit den Deinen durch die Zeit,
doch hier, in dieser stillen Nacht,
bist du mein Sohn, vom Traum bewacht.
Begriffsstörungen
1.) Manchmal meint man es so lange gut,
bis das Gutgemeinte gemein wird.
2.) Wer Ordnung ordnet ohne Ende,
endet ordnungslos im Ordnen.
3.) Sichere Sätze sagen selten sicher,
was sie sicher sagen sollen.
4.) Der Sinn sucht Sinn im Sinnsuchen,
bis der Sinnsinn sinnlos scheint.
5.) Klarheit klärt,
bis sie klärungsbedürftig wird.
Herr Fallbert Stolper
Herr Fallbert Stolper stürzte nicht.
Der Abend kam ihm zuvor,
früher als vorgesehen.
Ein Wort verfehlte die Zeit
und setzte sich fest.
Antworten blieben aus.
Sie warteten irgendwo.
Die Ausreden dagegen
lösten sich leicht,
reif geworden.
Herr Stolper ließ zurück,
was ihn schon verlassen hatte.
Blätter ruhten auf dem Weg.
Der Halt lag bei ihnen.
Vertrauen gab nach.
Geräuschlos.
Wie etwas,
das still müde wird.
Herr Stolper geriet aus den Wolken
und erkannte,
dass er längst unterwegs war.
Ein Fehltritt wog.
Ein Urteil folgte.
Er ging ins Schweigen,
ins Erinnern,
ins Begreifen.
Zwischen Fallenstellen
und Fallenlassen
lag der Unterschied.
Am Ende ging nichts mehr zu Boden.
Nicht er.
Nicht der Halt.
Nur die Schwere blieb.
Und das Ankommen.
Karl 1917 – Kunkelstube der Seele
Im Gemach der Nacht sitz ich allein,
die Stube atmet Jahre, staubverhangen.
Mein Herz ein Hagestolz, hart wie Stein,
im Bann der Dinge still gefangen.
Wehmut steht wie Magd am Tor
und reicht mir Minne ohne Namen.
Der Weltlauf fließt im fernen Chor,
ich bleibe Fron und Traum zusammen.
Das Fuhrwerk der Erinnerung
rollt stumm durch meiner Stunden Gassen.
Der Postillon der Dämmerung
ruft seinen Leumund aus verblassten Massen.
Ich hadre still mit Herzeleid,
ersinne mir verlorne Gärten,
wo niemand darbt in enger Zeit,
wo Seelentrost die Felder härtet.
In meiner Kunkelstube tief
erzählt der Wind von andren Zeiten.
Er trägt die Worte, die wir nie
zu schreiben lernten, leis im Weiten.
Ob Obrigkeit, ob Unbillsschwere,
es schwindet im entzweiten Atem.
Nur ein Stern, so sanft und hehre,
bleibt über meinem Namen.
Mutterstimme - Sohn gefallen (1917)
Im Dämmerschoß der Stube sitz ich reglos,
die Spindel schweigt, die Hände ruhn auf deinen Zeilen.
Ein Tuch leg ich auf offne Nacht in mir,
doch wach bleibt mir der Schmerz, darin zu weilen.
Der Bote stand im Hof mit starrem Blick,
sein Siegel roch nach fernem Erdengrund.
Sein Schritt war Pflicht, sein Atem fremd und kühl,
als rief die Zeit aus eines Abgrunds Schlund.
Die Magd bringt karge Speise in das Haus,
ein Brot, so hart wie unsre Tage schwer.
Wir hungern nicht nach Leib und Krume bloß,
wir hungern nach dem Halt von einst und mehr.
Der Wagen knarrt im Abend durch das Tor,
die Pferde dampfen wie ein stumm Gebet.
Ein Staub legt sich auf jeden schweren Tag,
als ob die Zeit im Atem stockend steht.
Der Hagestolz vom Nachbarhof verflucht
den Krieg und Gott mit rauer, wilder Zung,
ersinnt sich Felder ohne Herrenjoch,
doch geht, als trieb ihn Pflicht und alte Bindung.
Im Spinnraum flüstert man von Tod und Ehre,
vom Sohn, der fern im Feld gefallen ist,
vom Heldenlob, das man im Dorf vermehre,
doch auch vom Leid, das jede Mutter misst.
Die Herren walten überm kleinen Dorf,
die Glocke teilt den Tag in müde Teile.
Mein Kummer ruht in deinen Worten sacht,
darin mit müdem Geist ich still verweile.
Erschöpft verharre ich im schwindenden Geleucht,
die Glocke schneidet mir die Stunden klein:
Gestern warst du Kind im Hof bei mir,
heut bist du fern – und bleibst doch immer mein.
Und über Dach und Staub und dunkle Flur
seh ich den Stern, der überm Grabe steht,
er bleibt mir nah, so sanft und namenlos,
bis auch dein Bild im Dunst vergeht.
Punkt
Er tritt aus dem Schatten,
eine Fußnote im Manuskript der Nacht,
im Mantel aus staubigem Asphalt.
Die Stadt legt ihm ihre Zunge um den Hals
und kaut gedankenlos an seinem Fleisch.
Reklamen predigen Erlösung im Sonderangebot,
lackierte Särge stehen geschniegelt im Schaufenster
und spiegeln die Augen zurück,
deren Bilanz sie längst kennen.
Automaten verschlucken Münzen,
spucken Hoffnung in Portionen aus.
Die Kanalisation trägt Parfum,
damit Armut nicht stinkt, sondern still fault.
Ein Baum steht unter Bewährung,
mit Schal gegen die Sinnfragen.
Ein Haus wirft seine Haut ab,
Ziegel bröckeln aus dem Gebiss der Zeit.
Fettgeruch und Bieratem salben die Nacht.
Absätze klopfen Morsezeichen der Begierde,
in Waschsalons zerreißen Paradiesvögel
die Liturgie aus Weiß und Bunt,
als ließe sich Reinheit auswringen.
Zeitungen prügeln sich selbst in den Tod
hinter bernsteinfarbenem Glas.
Eine Greisin weicht dem eigenen Herzschlag,
dem Steckbrief ihres Körpers.
Er geht vorbei.
Schmerz zahlt jeder in Raten.
Ein Hund prüft ihn, wittert Endlichkeit,
wo Menschen nichts sehen,
und flieht vor dem Gestank.
Der Fremde trägt den Punkt im Atem.
Sein Schritt ist Löschung.
An der Ecke schwankt ein Mann,
ein Satzfragment ohne Adressat,
das niemanden mehr braucht
und niemanden erwartet.
Anfang ohne Hände
Ein Blau,
verletzt,
dreht sich im Schatten der Zeit
wie ein abgerissener Nerv.
Ewigkeit:
Staub, der glaubt,
unsterblich zu sein.
Der Anfang simuliert sich selbst,
ein Architekt mit amputierten Händen,
fragt den Schutt,
ob Mensch noch ein Name ist.
Rauch kniet.
Eis schweigt.
Winde wiegen Knochen.
Im Riss der Erde
trinkt ein grüner Puls
die Tränen der Nacht.
Ein Atem.
Ein Schrei.
Ausgelöscht.
Das Unverderbliche
legt Eier ins Nichts.
Die Leere wird Brutkasten.
Münder huldigen ihm,
mit Zähnen.
Eine Lehmschöpfung greift
nach dem Artefakt Apfel.
Der Sturm erinnert sich.
Der Tag zieht die Haut aus.
Die Nacht zieht sie an.
Atem brennt.
Zeit geht.
Zeit geht weiter, ohne uns.
Nächtliche Umarmung
Die Lebensuhr tickt lauter,
das Hier schwindet im Raffer der Zeit.
Ich wiege mich in den Armen
des Herbstwindes,
sinne Sommerträumen nach.
Regen benetzt welkes Blätterwerk,
meine Gedanken finden sich in den Ästen
kahler Bäume.
Ich lausche meinen Schritten,
die Nacht legt ihre Arme um mich.