Ballade vom Gelage der Schatten
Ode an den Tanz der Schatten
O feurige Lippen,
sie tanzen auf mir wie Funken,
zeichnen mit rotem Siegel
ihre sündige Kunde
in meine Haut –
du, berauschter Maler,
verzierst mich mit Blut und Schande.
Deine Bisse –
zarte Bitten an mein Rückgrat,
meine Antwort: ein Ton in hellem Dur,
so wild, dass selbst der Priester
sein Gebet vergisst
und an das Jüngste Gericht denkt.
Freudenrufe –
die Wandteppiche beben,
wir – zwei Schatten,
flackern im Schein des kecken Mondes,
der schamlos an den Butzenscheiben reibt.
Im Takt der Sehnsucht,
dunkel wie der Trank nach Zecherei,
wird Flüstern zu Stöhnen,
Fledermäuse tanzen Reigen.
Unsere Leiber sprechen
die Sprache ruheloser Geister,
Berührung – süßer Schmerz,
gleich dem Kuss der Dornen,
bis kein Morgen mehr
den Hahn zum Krähen ruft.
Wir tanzen auf den Gräbern
unserer vergangenen Lieben,
während Grabsteine zu Stufen wachsen
in die endlose Nacht.
Im Kreis unserer Begierden
herrsche ich als Königin der Schatten,
von dir dem Feuer übergeben,
wie ein Braten,
der niemals ganz durch ist.
Deine Nägel – rote Verse,
blutige Lieder,
die nur in uns weiterglimmen.
Jeder Kuss – ein Schwur:
„Du entkommst mir nimmermehr!“
Dein Atem – eisig wie Nordwind,
jede Stunde mit dir ein Beweis,
wie hungrig wir sind,
zwei verlorene Seelen,
die die Nacht mit neuen Schatten schmücken.
Die Nonnen flüstern hinterm Chorgestühl,
ob du wohl auch im Kloster
die Unschuld raubst –
und der Prior zählt die Bissmale
statt der Rosenkränze.
Wir treiben’s wilder als die Bauern
zur Erntezeit,
und selbst der Henker,
der sonst nur Hälse liebt,
wird blass bei unsrem Anblick.
So tanzen wir weiter,
bis selbst der Totengräber
uns um Nachtruhe bittet,
und der Mond,
der alte Spanner,
sich hinter Wolken schämt.
Zehn kleine Sünder
O du, mein sündiger Spießgeselle,
noch glüht der Ofen, noch brodelt der Kessel,
und zwischen den Fellen,
wo der Met wie die Lust überläuft,
verheddern sich unsere Schatten
im Teppich aus alten Schwüren.
Dein Gürtel – ein Rätsel,
das ich mit den Zähnen löse,
während draußen der Nachtwächter
sein „Haltet Maß!“ ruft
und prompt von einer Fledermaus
ins Ohr gebissen wird.
Die Mägde tuscheln,
der Abt schielt verstohlen durchs Schlüsselloch,
und der Barde, halb betrunken,
dichtet Verse über unsere Lenden,
doch reimt sich auf „Begierde“
nur „Bier“ und „Verlier die Unschuld“.
Wir rollen im Stroh,
dass selbst die Stallknechte rot anlaufen,
und der Hahn, beleidigt,
kräht zum zweiten Mal,
doch wir, unermüdlich,
tanzen weiter auf dem Altar
der verbotenen Freuden.
Deine Finger – zehn kleine Sünder,
die auf meiner Haut Psalmen trommeln,
und ich, die Königin der Schatten,
verleihe dir den Titel:
„Ritter der lüsternen Runde“.
Die Glocken läuten Sturm,
doch niemand löscht das Feuer,
denn selbst der Pfarrer
vergisst beim Anblick unserer Spiele
sein lateinisches „Mea culpa“.
So schwingen wir weiter
zwischen Himmel und Hölle,
bis selbst der Teufel
uns einen Becher Met spendiert
und der Mond,
der ewige Gaffer,
vor Scham in den Brunnen springt.