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Sünde im Treppenhaus

Frau Tratschi:
Haben Sie schon gehört, Frau Süsslich?
Die Hatnicht soll wieder Besuch gehabt haben.
Frau Süsslich:
Nachts?
Frau Tratschi:
Im Hellen, liebe Frau Süsslich.
Sünde am Tage – die reinste Schamlosigkeit.
Frau Süsslich:
Ich sag ja immer:
Wer nix hat, hat wenigstens Gesellschaft.
Frau Tratschi:
Frau Klug aus dem zweiten OG hat gesehen,
wie ein Mann vor ihrer Tür gekniet haben soll.
Frau Klug hat natürlich nachgefragt und die Hatnicht soll behauptet haben,
dass ein Herr auf ihrer Fußmatte ausgerutscht sei.
Frau Süsslich:
Wer’s glaubt …

Konnte Frau Klug denn wenigstens erkennen, welcher Mann das war?
Frau Tratschi:
Nein, leider nicht.
Die Klug hatte dummerweise ihre Brille in der Küche liegen – und Sie wissen
doch, wie blind die Frau ohne ist.
Ach ja, und gestern soll ein Strauß Tulpen vor ihrer Wohnungstür gelegen
haben.
Frau Süsslich:
Ha! Tulpen … im Oktober.
Ein sicheres Zeichen.
Frau Tratschi:
Ich sag’s ja nur aus Sorge.
Frau Süsslich:
Natürlich, reine Sorge.
Wissen Sie, mein Mann sagt,
man soll nicht über andere reden.
Frau Tratschi:
Wie weise.
Frau Süsslich:
Übrigens war er mal kurz bei ihr. Beruflich.
Frau Tratschi:

Beruflich?
Frau Süsslich:
Ja. Handwerklich.
Frau Tratschi:
Aha. Ich hoffe, mit Rechnung.
Frau Süsslich:
Nee, in bar.
(Kurze Stille.)
Frau Tratschi:
Und was hat er repariert?
Frau Süsslich:
Ihren Backofen.
Sie nennt ihn inzwischen beim Vornamen.
Frau Tratschi:
So? Und wie heißt er?
Frau Süsslich:
Willy.

(Stille.)
Frau Tratschi:
Hm. Finden Sie das nicht alarmierend?
Frau Süsslich:
Ja, schon.
(Pause.)
Frau Tratschi:
Also gut.
Wir reden am besten nicht drüber.
Frau Süsslich:
Nein.
Aber wissen Sie, was die Hatnicht hat?
Frau Tratschi:
Nee – was denn?
Frau Süsslich (leise, trocken):
Meinen Willy.
Seit März.
Seitdem backt sie für ihn.

(Lange Stille.)
Ende.

Satire

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